Autor: MeerBalance

  • Wochenenkauf

    Wochenenkauf

    Ich habe das Glück, von meiner Arbeitszeit her jeden Tag frisch kochen zu können.

    Jeder Mensch in meinem Haushalt hat eigene Vorlieben, wenn es ums Essen geht. Nicht alles ist miteinander kompatibel und so erfordert es einiges an Überlegungen, was eingekauft werden kann, wie es verarbeitet wird und was es wann gibt.

    Ich koche seit 20 Jahren und da ist es für mich kein Problem, auch mal das Internet nach Rezepten zu fragen. Die meisten Basics habe ich schon drauf.

    Früher saß ich stundenlang an meinem Einkaufszettel. Meine vier Lieblingskochbücher vor mir aufgeschlagen und die Preise der Lebensmittel im Kopf. Immer wieder stand ich auf, ging in die Küche oder in den Keller zum Tiefkühlschrank und glich ab, was allen mundet, finanziell passt und dafür sorgt, dass der Kochaufwand am Wochenende auch noch genügend Zeit für Aktionen mit der Familie ließ.

    Ich habe das immer gerne gemacht. Eine große Tasse Kaffee stand dabei neben mir.

    Ich muss sagen: KI erspart mir inzwischen einiges an Zeit.

    Im Grunde genommen ist es wirklich nur eine Zeitersparnis, den Wocheneinkaufszettel mit KI zu erstellen. Denken, Laufen, Saisonalität, ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse und die Vorlieben aller muss ich ja dennoch im Kopf haben. KI weiß schließlich auch nur das, was ich ihr mitteile und was mir wichtig ist.

    Aber es macht auch sehr viel Spaß, das mit KI zu machen.

    Mich beruhigt es, morgens und abends schon zu wissen, was beim nächsten Mittagessen gekocht wird. Ich weiß ungefähr, wie lange die Zubereitung dauern wird und damit auch, wann ich in die Küche gehen muss. Und ich weiß: Ich habe definitiv alles für das Gericht im Haus.

    An der Küchentür hängen eine Einkaufsliste und ein Stift, damit jeder jederzeit Fehlendes oder Wünsche eintragen kann.

    Der Essensplan für immer zwei Wochen hängt für alle sichtbar – und kommentierbar – an der Kühlschranktür.

    Grundbedürfnisse sind damit erfüllt. Ich bin beruhigt.

    Für Snacks – na ja, dafür muss man dann doch noch mal los.

    Die für eine komplette Woche einzukaufen, geht einfach nicht.

  • Solingen

    Solingen

    Solingen liegt eine Stunde Autofahrt von hier entfernt, hinter Leverkusen.

    Ich war noch nie dort, aber einer meiner Lieblingsmenschen hatte dort einen wichtigen Termin und ich wurde gefragt, ob ich begleiten möchte.

    Sehr gerne. Ich nahm mir dafür Zeit.

    Unseren Proviant für die Fahrt verdrückten wir schon auf der Hinreise: Wraps, belegte Brötchen und Tee. Mein Smoothie natürlich mit dabei.

    Wie aufregend. Eine mir unbekannte Stadt und einiges an Zeit, um vieles anzuschauen.

    Ich beschloss, nicht zur höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands zu fahren, sondern das Auto in der Stadt geparkt zu lassen und Solingen zu Fuß zu erkunden.

    Breite Fußgängerpassagen und viele Spielgeräte für Kinder. Viele Wasserfälle und Wassersprenkler. Überhaupt waren viele Menschen mit ihren Kindern unterwegs – klar, es sind ja auch noch Sommerferien.

    Insgesamt bekam ich einen Eindruck von sehr entspannten Menschen in Solingen. Naturverbunden, vieles fand draußen auf den Straßen statt. Menschen saßen in großen Gruppen zusammen. Alle sehr freundlich.

    Ich beschloss, zuerst die Innenstadt und einige Geschäfte anzulaufen. Solingen hat viele offene Plätze zum Verweilen und interessante Kirchen, an denen ich vorbeischlenderte.

    Im Bereich der Scheidter Straße und Dammstraße kam ich schließlich auf die Korkenziehertrasse und startete dort meine Wanderung durch und unter Solingen hindurch.

    Ein grüner Streifen, der sich mitten durch die Stadt zieht.

    An den Stellen, an denen man die Korkenziehertrasse über Treppen nach links oder rechts verlassen konnte, standen Informationstafeln. Historisches Wissen, portioniert verpackt. Kulturelles und Aktuelles nicht nur zum Anschauen, sondern auch erklärt.

    Ich folgte der Korkenziehertrasse bis zum Südpark.

    Nach vier Stunden Laufen und Erkunden setzte ich mich mit einem Buch aus einem der von mir so geliebten Bücherschränke – ja, die gibt es auch in Solingen – zu einem Kaffee auf ein bequemes Sofa und genoss es, einfach nichts tun zu müssen und zu können, außer diese Lektüre zu genießen.

    Eine amerikanische Ärztin auf der Reise mit Aborigines durch die Wüste, die sie in ihren Grundzügen verändert hat.

    Meine Wanderung durch Solingen über die Korkenziehertrasse hat mich nicht grundlegend verändert.

    Aber ein wenig vielleicht schon.

  • Bügeln

    Bügeln

    Ich weiß, dass ich nicht unbedingt bügeln müsste. Viele sagen, man sähe es gar nicht, wenn Kleidung gebügelt wäre.

    Das kann sein. Wenn man Kleidung gerade zum Trocknen aufhängt oder den Trockner benutzt und anschließend die Kleidung schön gerade zusammenlegt, dann bräuchte man tatsächlich gar nicht bügeln.

    Meine Oma und ich hatten im Elternhaus ein Zimmer unter dem Dach nebeneinander. Wir hörten den gleichen Radiosender. Hatte ich Langeweile, so besuchte ich meine Oma in ihrem Zimmer und schaute ihr zu. Beim Stricken und beim Bügeln.

    Sie hatte beim Bügeln ihr Bügelbrett aufgebaut, die Sprayflasche Bügelsteif stand neben ihr und mit dem heißen Eisen arbeitete sie sich faltenfrei durch den riesigen Wäscheberg von sieben Personen.

    Als ich auszog, war für mich klar, dass auch ich bügeln werde.

    Beigebracht hat es mir keiner so richtig, aber ich habe viel bei meiner Oma abgeschaut. Ich hatte nicht so ein kleines Seitenbügelbrett für die Ärmel, wie meine Oma dies hatte, aber es klappte auch so ganz gut. Die richtige Wahl der Temperatur hatte ich schnell im Griff – steht ja auch alles auf dem Bügeleisen drauf.

    Anfangs brauchte ich sehr lange zum Bügeln, was mich aber nicht davon abhielt, es zu tun. Auch wenn ich von allen Seiten immer wieder hörte, heute müsse man doch nicht mehr bügeln.

    Ich bügle immer noch sehr gerne regelmäßig jede Woche. Bügeln war auch ein Sprungbrett für mich zum Nähen.

    Ich habe mein Bügeleisen seit 20 Jahren. Es hat einen großen Wassertank, in dem ich das destillierte Wasser mit Duftwasser vermenge. Ja, mein Bügeleisen ist laut. Was nicht schlimm ist, da ich mein Radio ja auch lauter machen kann.

    Richtig, Radio höre ich dabei auch immer noch – jedoch immer mal wieder einen anderen Sender.

    Tanzeinlagen gehören für mich dazu.

    Und ich liebe die vollen Körbe frisch gewaschener Wäsche, die zu kleinen ordentlichen Stapeln Kleidung führen.

    Für mich ist Bügeln Meditation, Selbstfürsorge, Beschäftigung, aktives Bewegen, Sorgfalt und Kümmern um meine Lieblingsmenschen in meinem Haushalt.

  • Der sichere Hafen

    Der sichere Hafen

    „Hier wird immer Dein Zuhause sein.“

    Was für ein gutes, beruhigendes Gefühl.

    Meine Eltern sind großartig. Sie haben alles, was Eltern haben müssen.

    Sie strahlen Ruhe und Zuversicht aus. Sie sind immer für mich zu erreichen. Sie haben zu all meinen Themen eine Meinung und stehen immer zu und hinter mir.

    Ich kann mit ihnen über erfreuliche, schwere und komplizierte Themen sprechen.

    Das Grundgefühl ist: „Wir stehen immer zusammen.“

    Bei meinen Eltern sind das nicht bloß Floskeln. Sie meinen es so, wie sie es sagen, und leben auch danach.

    Sie nehmen trotz ihrer Gutmütigkeit und Großherzigkeit nicht alles so hin, wie man es ihnen gibt. Sie haben Lösungen für meine Probleme. Sie können aber auch einfach nur zuhören und mit mir emotional und gedanklich mitgehen. Sie haben Anregungen und Ideen, wie etwas laufen könnte, ohne mit mir darin übereinstimmen zu müssen. Sie zeigen alternative Wege auf, ohne Druck.

    Meine Eltern haben ihre eigenen Leben. Sie haben vielfältige Interessen, denen sie nachgehen. Sie fangen immer wieder Projekte an, an denen sie arbeiten. Sie haben ein breites Wissen, das sie auch immer gerne teilen.

    Meine Eltern können sehr motivierend für mich sein. Sie bauen mich auf und glauben immer an mich. Sie wissen nicht alles über mich und ich nicht alles über sie. Aber sie kennen mein Innerstes. Meine Art. Meine Werte.

    Meine Eltern sind nicht perfekt. Bei weitem nicht. Wären sie das, so hätte ich nicht so viel bei ihnen gelernt. Was sie auf jeden Fall sind:

    Sie sind bedingungslos liebend.

    Und dafür könnte ich dankbarer nicht sein.

  • Artgerechte Haltung

    Artgerechte Haltung

    Vor zwei Jahren bekam ich zum Geburtstag von einer lieben Freundin eine kleine Orchidee geschenkt. Sie blühte mit einigen kleinen, zarten Blüten, hatte drei Blätter und steckte in einem winzigen weißen Blumentopf.

    Für blühende Pflanzen habe ich nicht gerade den „grünen Daumen“, wollte mich aber voll und ganz um diese kleine Pflanze bemühen. Ich hatte in meinem Leben schon häufiger Orchideen geschenkt bekommen. Leider wurden diese bei mir nie besonders alt.

    Bei meiner kleinen aktuellen Orchidee fielen bald die Blüten ab und so stand recht lange ein kahler, vertrockneter Stängel empor. Ich wollte die Pflanze nicht verletzen, also ließ ich sie so, wie sie war. Irgendwann knickte der Stängel von alleine ab.

    Ein Jahr später blühte meine kleine Orchidee erneut. Diesmal wuchs der Stängel seitlich von den Blättern weg. Das sah etwas seltsam aus und lange blieben auch diese Blüten leider nicht. Nun stand wieder ein kahler Stiel lange Zeit seitlich von der Pflanze ab.

    Ich goss die Pflanze dennoch liebevoll und stellte sie an einen hellen Ort in die Küche. Ich hoffte wohl ein bisschen, durch meine Aufmerksamkeit alleine würde sie sich irgendwann gut entwickeln.

    Irgendwann beim Gießen dachte ich mir:

    Wenn die Orchidee in der Natur auf Bäumen wächst – wieso stecken wir sie dann überhaupt in einen Blumentopf?

    Ich holte sie heraus und bestaunte die vielen eng verwobenen Wurzeln. Schließlich stellte ich sie in ein rundes Glas mit Glassteinchen. Manche Orchideen wachsen schließlich sogar auf Steinen – vielleicht müsste es dann mit Glas auch funktionieren?

    Das Glas ist oben geöffnet und die Wurzeln bekommen Luft. Finde ich, dass sie etwas zu trocken aussehen, beträufele ich sie mit Wasser. Manchmal lege ich anschließend für kurze Zeit ein Buch auf das Glas. Innerhalb kürzester Zeit erhöht sich darin sichtbar die Luftfeuchtigkeit und Wasser kondensiert an der Glaswand.

    Ob das nun das perfekte Orchideenklima ist, weiß ich nicht.

    Aber die Orchidee schien etwas damit anfangen zu können.

    Innerhalb weniger Tage entdeckte ich neue kräftige Wurzeln und ein neues Blatt begann zu wachsen. Damit hat die Pflanze nun endlich vier Blätter.

    Heute fand ich: Wenn meine Orchidee schon nicht unbedingt in einem Blumentopf leben möchte, könnte sie statt auf Steinen vielleicht auch wieder ein kleines bisschen mehr auf einem Baum leben.

    Also holte ich das restliche feuchte Substrat zwischen ihren Wurzeln hervor und setzte die Orchidee auf einen Ast.

    Ich hoffe sehr, dass der Pflanze das gefällt und sie sich weiterentwickeln kann.

    Ich bin jedenfalls sehr stolz auf sie. Auch ohne Blüten.

  • Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Parodontitis. Igitt.

    Bakterien und entzündetes Zahnfleisch, Zahnfleischtaschen, zurückgehendes Zahnfleisch – und dann womöglich irgendwann freiliegende Zahnhälse. Besonders schön klang das für mich nicht.

    Die Diagnose bekam ich gemeinsam mit meinem damaligen Partner, als wir beide Mitte 20 waren. Mein Zahnarzt erklärte mir, dass die Zahnfleischtaschen ausgespült beziehungsweise behandelt werden sollten, und gab mir einen Termin – in ungefähr drei Wochen.

    Drei Wochen?

    So lange wollte ich auf gar keinen Fall einfach nur warten. Es ging schließlich um meine guten Zähne. Und der Gedanke, dass sich mein Zahnfleisch immer weiter zurückziehen könnte, gefiel mir überhaupt nicht.

    Also tat ich etwas, das ich schon damals gerne gemacht habe: Ich fing an zu lesen.

    Ich recherchierte in verschiedenen Foren und stieß beim Lesen medizinischer Zeitschriften immer wieder auf etwas, das ich vorher überhaupt nicht kannte:

    Ölziehen.

    Die Vorstellung faszinierte mich. Öl im Mund bewegen und immer wieder durch die Zahnzwischenräume ziehen – könnte das vielleicht meine Mundhygiene zusätzlich unterstützen und auch Stellen erreichen, an die ich sonst nur schwer herankam?

    Einen Versuch war es mir wert.

    Mein erster Versuch mit Kokosöl

    Kokosöl bekam ich ganz unkompliziert bei meinem Discounter.

    Was mich zunächst überraschte: Das Zeug war fest.

    Also nahm ich, wie ich es gelesen hatte, ungefähr einen Teelöffel davon in den Mund. Durch die Wärme wurde das Kokosöl schnell flüssig und ich begann zu spülen und es immer wieder durch die Zahnzwischenräume zu drücken.

    10 bis 15 Minuten sollte ich das machen.

    Keine Chance.

    Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, mein Mund wäre randvoll. Ich musste das Öl ausspucken und fragte mich ernsthaft, wie andere Menschen das minutenlang schaffen sollten.

    Aber ich wollte es zumindest bis zu meinem Zahnarzttermin weiter ausprobieren.

    Also nahm ich am nächsten Morgen weniger.

    Einen halben Teelöffel.

    Das funktionierte schon wesentlich besser.

    Als ich irgendwann zum ersten Mal ungefähr fünf Minuten geschafft hatte, staunte ich nicht schlecht über das Gefühl danach. Mein Mund fühlte sich für mich unglaublich sauber und frisch an.

    Ich mochte dieses Gefühl.

    Und aus fünf Minuten wurden nach und nach zehn.

    Und dann kam mein Zahnarzttermin

    Drei Wochen später saß ich wieder auf dem Behandlungsstuhl.

    Ich hatte mich innerlich längst darauf eingestellt, dass meine Zahnfleischtaschen nun wie angekündigt ausgespült beziehungsweise behandelt würden.

    Doch dann kam die Überraschung.

    Meine Zahnärztin schaute sich mein Zahnfleisch sehr gründlich an und meinte sinngemäß:

    „Hm … bei Ihnen ist es eigentlich gar nicht so schlimm. Da muss ich nichts machen.“

    Statt der erwarteten Behandlung sollte ich zur Kontrolle wiederkommen beziehungsweise mich melden, falls es wieder schlechter würde.

    Ich war natürlich begeistert.

    Bei meinem damaligen Partner musste die geplante Behandlung dagegen durchgeführt werden. Er empfand sie als ziemlich unangenehm und musste auch in den Tagen danach beim Essen noch aufpassen.

    Ob meine drei Wochen Ölziehen tatsächlich etwas mit meinem Befund beim zweiten Termin zu tun hatten, kann ich rückblickend natürlich nicht feststellen.

    Für mich war dieses Erlebnis aber der Anfang von etwas, das bis heute geblieben ist:

    mein morgendliches Ölziehen.

    Seit mehr als 15 Jahren

    Fast jeden Morgen nehme ich inzwischen einen ganzenTeelöffel Kokosöl und ziehe es ungefähr zehn Minuten durch meinen Mund und meine Zahnzwischenräume.

    Es gehört zu meinem Morgen wie andere kleine Routinen auch.

    Und ich mag dieses saubere Gefühl danach noch immer.

    Meine Zahnpflege ist ansonsten ziemlich unspektakulär: Morgens und abends Zähneputzen, Ölziehen am Morgen und Zahnseide – bei Letzterem könnte ich zugegebenermaßen regelmäßiger sein. Besonders dann denke ich daran, wenn sich beispielsweise Popcorn oder Mais hartnäckig zwischen meinen Zähnen versteckt hat.

    Über die Jahre begegneten mir immer wieder Menschen, bei denen Ölziehen ebenfalls längst zu ihrer Zahnpflegeroutine gehört. Einige erzählten mir ähnlich begeistert davon und auch davon, dass sie mit ihren Zähnen bei den Kontrollen sehr zufrieden seien.

    Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass mein Kokosöl für mich irgendwann etwas ganz Selbstverständliches geworden ist.

    Einmal im Jahr gehe ich zur zahnärztlichen Kontrolle. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass meine Zähne schön und gepflegt aussehen.

    Für mich funktioniert diese Routine seit vielen Jahren wunderbar.

    Was weiß man heute über Ölziehen?

    Als ich damals mit dem Ölziehen anfing, interessierte mich vor allem meine eigene Erfahrung. Heute finde ich es spannend, auch darauf zu schauen, was inzwischen wissenschaftlich untersucht wurde.

    Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Ölziehen die Zahl bestimmter Mundbakterien verringern kann. Die bisherige Studienlage ist allerdings noch begrenzt und ein eindeutiger Nutzen für Plaque oder Zahnfleischentzündungen ist nicht belegt.

    Für mich bleibt Ölziehen deshalb das, was es seit vielen Jahren ist:

    eine Ergänzung meiner Zahnpflege.

    Zähneputzen, Zahnzwischenraumpflege und regelmäßige Zahnarztbesuche gehören natürlich weiterhin dazu.

    Mein kleines Morgenritual

    Vielleicht ist es genau das, was ich am Ölziehen so gerne mag.

    Es kostet mich kaum etwas. Ich brauche keine komplizierte Ausstattung. Ich stehe morgens auf, nehme mein Kokosöl und kann während der zehn Minuten schon andere Dinge erledigen.

    Und irgendwann merke ich:

    Ach, meine zehn Minuten sind schon wieder vorbei.

    Dann spucke ich das Öl aus und beginne meinen Tag mit diesem wunderbar sauberen Mundgefühl, das ich inzwischen seit mehr als 15 Jahren kenne.

    Für mich habe ich damit etwas sehr Einfaches gefunden, das sich gut anfühlt und ganz selbstverständlich zu meiner persönlichen Zahnpflege gehört.

    Und manchmal sind es genau solche kleinen Dinge, die bleiben.

  • Balance der Woche #004 – Gehen: meinen eigenen Takt finden

    Balance der Woche #004 – Gehen: meinen eigenen Takt finden

    Manchmal merken wir erst am Abend, wie wenig unser Körper an diesem Tag eigentlich in Bewegung war.

    Manche Tage vergehen, ohne dass wir uns viel bewegen.

    Wir sitzen, arbeiten, fahren Auto oder beschäftigen uns mit Dingen, bei denen unser Körper lange an einem Ort bleibt. Oft fällt uns das zunächst kaum auf.

    Erst später meldet sich der Körper vielleicht auf seine eigene Weise.

    Die Beine fühlen sich schwer oder unruhig an. Der Rücken möchte sich strecken. Beim Hinsetzen oder Hinlegen bemerken wir plötzlich, wie sich unser Körper nach einem langen, ruhigen Tag anfühlt.

    Doch wie ist es an einem Tag, an dem wir uns bewusst ein wenig bewegt haben?

    Darum geht es in diesem Wellenimpuls nicht darum, möglichst weit oder möglichst schnell zu gehen.

    Du darfst einfach losgehen.

    In Deinem Tempo.
    So lange, wie es sich für Dich heute gut anfühlt.

    Und danach beobachten:

    Wie fühlt sich mein Körper unmittelbar nach dem Gehen an – und wie fühlt er sich am Abend an?

    Dein Wellenimpuls

    Drucke Dir den Wellenimpuls aus oder speichere ihn auf Deinem Tablet. Beobachte Deinen Körper vor dem Gehen, währenddessen, danach und noch einmal am Abend.

    Nicht bewerten. Nicht vergleichen.

    Einfach entdecken, welchen Unterschied Bewegung für Dich macht.

    Vielleicht bemerkst Du dabei etwas, das Dir im Alltag bisher kaum aufgefallen ist.

    Vielleicht auch nicht.

    Beides darf sein.

    Bis nächste Woche.

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Künstler

    Künstler

    Im Schulunterricht in Deutschland gibt es das Fach Kunst. Und das hat ebenso seine Berechtigung wie übrigens Sport.

    Um unser studiertes Fach auch in Zukunft mit Sicherheit unterrichten zu können, gab es an der Universität sogar ein eigenes Seminar dazu: Was ist Sport für eine Bereicherung für Kinder – und weshalb sollte dafür während der Schulzeit auch einmal Lesen, Schreiben oder Rechnen ausgesetzt werden?

    Wir büffelten Leitsätze, schauten uns die geschichtliche Entwicklung des Sportunterrichts in Deutschland an und waren ziemlich überrascht darüber, dass man überhaupt gegen das Fach Sport argumentieren konnte.

    Ob es den Kunststudenten für Lehramt ähnlich ging, weiß ich nicht.

    Zumindest war das in Mathe und Deutsch niemals die Frage. Beim Fach Englisch stellte ich sie mir selbst – und fand die Antwort irgendwann in der Biografie eines meiner Lieblingsmenschen – Man muss das schon auch wollen.

    Unterstützt in meiner Kreativität hat mich der Kunstunterricht auf jeden Fall. Ich bekam neue Techniken, Stilrichtungen und handwerkliche Fähigkeiten an die Hand.

    Kunst erkenne ich daran, dass sie etwas in mir auslöst.

    Am liebsten positive Emotionen. Überraschende Perspektiven. Die Harmonie, wenn etwas zusammenpasst. Spannend finde ich aber auch Gegensätze, die sich gegenseitig erst interessant machen.

    Und für Kreativität braucht man Mut, sich auszudrücken.

    Ich habe nicht den Anspruch, andere von meiner Kunst zu überzeugen. Aber ich möchte sie erklären können. Vielleicht kann ich einem anderen Menschen damit ein wenig näherbringen, was ich daran besonders gelungen finde und warum ich etwas genau so gemacht habe. Diese Erklärung kommt aber nur, wenn ich gefragt werden sollte.

    Kunst muss mich also berühren, wenn ich sie betrachte. Irgendwo im Innersten.

    Wenn ich selbst künstlerisch oder kreativ bin, geht es noch um etwas anderes. Dann gibt es eine Emotion, einen Gedanken oder ein Gefühl – und ich möchte versuchen, etwas davon sichtbar und vielleicht sogar für andere spürbar zu machen.

    Ich möchte etwas transportieren.

    Und dafür suche ich das Material, die Form oder die Technik, die mir dabei helfen kann.

    Die Kunst, die für mich wohl am präsentesten ist und am lautesten nach Aufmerksamkeit ruft, ist Graffiti.

    In meiner Umgebung ist es in den vergangenen zwanzig Jahren etwas seltener geworden. In der Rheinaue gibt es allerdings schon lange eine freie Graffiti-Wand, die sich immer wieder verändern darf. Jeder darf dort sprayen.

    Wenn ich beim Autofahren oder in Städten Graffiti entdecke, erstaunt mich häufig die Farbenvielfalt. Ich mag die scharfen Konturen, die Farbverläufe und die Art, wie Schicht für Schicht etwas entsteht. Besonders fasziniert mich das Spiel mit der Verformung von Buchstaben.

    Mein Lieblingsgraffiti?

    Na ja.

    Ich komme ursprünglich aus Bonn.

    INF.

    Natürlich.

    In Foren fragen Menschen immer wieder, was das denn nun bedeuten würde – und warum man nicht einfach etwas „Richtiges“ sprayen könne.

    Ich muss dann grinsen, beschließe, mich nicht einzumischen, und schließe das Forum wieder.

    Viele Graffiti habe ich im Kopf. Und ich freue mich jedes Mal, wenn mir wieder eines begegnet.

    Ausgerechnet ein technisch sehr spartanisch und ziemlich laienhaft ausgeführtes „Graffiti“ hat meine Gedanken und Gefühle aber bis heute in Bewegung gehalten.

    Es stand in großen schwarzen und roten, krakeligen Buchstaben auf einer riesigen Betonschräge unter einer Brücke:

    „The only good nation is the imagiNation.“

    Wer weiß, wofür INF steht, hat das Glück, es zu wissen.

    Und wer nicht weiß, wofür INF steht, hat das Glück, seine Imagination spielen zu lassen.

  • Erleben

    Erleben

    Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und sich später ganz unterschiedlich an sie erinnern.

    Fragt die Polizei nach einem Verkehrsunfall verschiedene Zeugen, kann es sein, dass zwei Menschen etwas vollkommen Unterschiedliches berichten. Der eine erinnert sich an ein rotes, der andere an ein blaues Auto, das den Unfallort verlassen hat. In einem Punkt stimmen beide jedoch überein: Das Auto fuhr schnell davon. Vielleicht beschreiben beide es sogar als hektisch oder fluchtartig.

    Was genau geschehen ist und wie wir etwas erlebt haben, muss also nicht dasselbe sein.

    Manche Einzelheiten scheinen zu verblassen oder verändern sich in unserer Erinnerung. Anderes bleibt erstaunlich deutlich. Vielleicht kann sich das Wie eines Augenblicks tiefer einprägen als ein Detail, das für uns in diesem Moment keine besondere Bedeutung hatte.

    Erleben ist subjektiv.

    Als Kind begegnete mir René Magrittes berühmtes Bild einer Pfeife mit den Worten:

    „Ceci n’est pas une pipe.“ – Dies ist keine Pfeife.

    Doch, dachte ich. Natürlich ist das eine Pfeife. Ich sehe sie doch.

    Erst später verstand ich: Es war tatsächlich keine Pfeife. Ich hätte sie weder stopfen noch mit ihr rauchen können. Vor mir befand sich das Bild einer Pfeife.

    Und trotzdem hatte ich eine Pfeife erkannt.

    Meine Wahrnehmung hatte mich nicht belogen. Sie hatte etwas erkannt, eingeordnet und gedeutet.

    Unser Erleben ist ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen. Und es unterliegt vielen Einflüssen.

    Ich kenne zum Beispiel das Gefühl, das entsteht, wenn ich einen ganz bestimmten Duft rieche.

    Ich könnte diesen Duft niemals wirklich beschreiben. Dafür ist er viel zu flüchtig. Und noch bevor ich versuchen könnte, einzelne Duftnoten zu erkennen, ist da längst etwas anderes:

    Glück und Geborgenheit.

    Ich weiß nicht mehr, was es ursprünglich einmal für ein Duft war. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn zum ersten Mal gerochen habe oder in welcher Situation. Vielleicht wusste ich es irgendwann einmal.

    Was geblieben ist, ist das Gefühl.

    Gefühle verknüpfen sich im Laufe unseres Lebens mit Erfahrungen und Erinnerungen. Neue Erlebnisse kommen hinzu, alte verblassen, manches verbindet sich miteinander.

    Und manchmal bleibt etwas, obwohl Zeit, Ort und Anlass längst unscharf geworden sind.

    Vielleicht muss ich später nicht mehr wissen, ob dort wirklich ein Bild hing, wer es aufgehängt hat oder was dazu gesagt wurde.

    Wenn etwas ein Gefühl in mir hinterlassen hat, dann ist dieses Gefühl heute da.

    Ich darf ihm glauben – als meinem Gefühl.

    Es beweist mir nicht jedes Detail der Vergangenheit. Es sagt mir nicht zweifelsfrei, was wann, wo und wie geschehen ist.

    Das muss es auch gar nicht.

    Es erzählt mir, wie etwas in mir weiterlebt.

    Vielleicht ist meine Realität deshalb gar nicht so zerbrechlich, wie sie manchmal erscheint.

    Ich darf wissen, was ich weiß.
    Ich darf fühlen, was ich fühle.
    Ich darf mich erinnern, woran ich mich erinnere.

    Und bei dem, was ich nicht mehr sicher weiß, darf ich sagen:

    Ich weiß es nicht.

    Das eine nimmt dem anderen nichts.

    Und ich muss nicht anfangen, jede Erinnerung auseinanderzunehmen, nur um herauszufinden, welcher Teil davon ganz sicher war.

    Nicht alles muss aufgeklärt werden. Nicht jede Lücke muss geschlossen werden. Nicht jede Unsicherheit braucht eine Antwort.

    Manchmal darf eine Erinnerung unvollständig bleiben.

    Ich muss sie nicht wieder und wieder betrachten, überprüfen und neu zusammensetzen, bis ich glaube, endlich Gewissheit gefunden zu haben.

    Denn vielleicht gibt es diese Gewissheit gar nicht mehr.

    Und auch das darf sein.

    Ich muss nicht jede Erinnerung verstehen, um meinem Erleben vertrauen zu dürfen.

    Ich muss mich nicht zwischen absoluter Gewissheit und vollständigem Zweifel an mir selbst entscheiden.

    Vielleicht bedeutet dem eigenen Erleben zu vertrauen nicht, jede Erinnerung für unumstößlich zu halten.

    Vielleicht bedeutet es, unterscheiden zu dürfen.

    Zwischen dem, was ich weiß.
    Dem, was ich erinnere.
    Dem, was ich daraus deute.
    Und dem, was ich fühle.

    Ohne daraus eine neue Aufgabe zu machen.

    Ich darf hinschauen, wenn mir das Hinschauen etwas gibt.

    Und ich darf einen Gedanken auch wieder ziehen lassen.

    All das gehört zu meinem Erleben.