Autor: MeerBalance

  • Balance der Woche #007 – Kleine Erfolge wahrnehmen

    Balance der Woche #007 – Kleine Erfolge wahrnehmen

    Manches, was uns gelingt, ist so klein, dass wir schon darüber hinweggegangen sind, bevor wir es überhaupt bemerken.

    Wir erledigen etwas, treffen eine Entscheidung, fangen irgendwo an oder bringen etwas zu Ende. Vielleicht tun wir etwas, das uns schwergefallen ist. Vielleicht sorgen wir für uns, obwohl der Tag voll war.

    Und dann geht es weiter.

    Dabei muss ein Erfolg nichts Großes sein. Er braucht keinen Applaus und kein besonderes Ergebnis.

    Diese Woche möchte ich Dich deshalb einladen, Deinen Blick auf die kleinen Dinge zu richten, die Dir im Alltag gelingen.

    Nicht, um jeden Tag positiv bewerten zu müssen.

    Sondern um wahrzunehmen, was sonst vielleicht unbemerkt geblieben wäre.

    Dein Wellenimpuls

    Nimm Dir am Abend einen kurzen Moment und gehe Deinen Tag noch einmal in Gedanken entlang.

    Was ist Dir heute gelungen?

    Vielleicht findest Du etwas ganz Kleines.

    Etwas, bei dem Du normalerweise einfach weitergegangen wärst.

    Drucke Dir den Wellenimpuls aus oder speichere ihn auf Deinem Tablet. Begleite Dich damit durch diese Woche und entdecke, was Du alles tust, schaffst und bewältigst, ohne es bisher besonders wahrzunehmen.

    Vielleicht verändert sich dabei nicht Dein Tag.

    Aber ein wenig Dein Blick auf das, was Du selbst darin geschafft hast.

    Bis nächste Woche.

  • Geranien bleiben

    Geranien bleiben

    Die lang herabwallenden Geranien an den Fachwerkhäusern in den Alpen fand ich schon immer wunderschön.

    Lange Zeit konnte ich allerdings kaum glauben, dass diese üppigen Blüten tatsächlich mit den stinkenden Pflanzen in den Blumenkästen meiner Nachbarn verwandt sein sollten.

    Ich habe das noch nie jemanden sagen hören, aber:

    Für mich stinken Geranien.

    So richtig.

    Meine eigene Karriere als Blumenkastengärtnerin begann ohnehin eher experimentell.

    Seit ich als Jugendliche anfing, mein Zimmer regelmäßig umzugestalten, versuchte ich mich auch immer wieder an Pflanzen im Blumenkasten.

    Ich hätte erahnen können, dass Möhren dafür vielleicht nicht die allerbeste Wahl sind.

    Die Möhren taten ihr Bestes. Wirklich.

    Aber der Platz zum Nach-unten-Wachsen war doch erheblich begrenzt.

    Also: keine so ganz gute Idee.

    Von Bienenwiesen und krummen Ringelblumen

    Mit meinen beiden Ältesten säte ich später ein Päckchen Bienenwiese aus, das es im Kindergarten geschenkt gegeben hatte.

    Die Kräuter und Wiesenblumen wuchsen zunächst wunderbar.

    Leider hatte ich offenbar beschlossen, möglichst vielen Pflanzen auf möglichst wenig Raum ein Zuhause zu geben.

    Sie standen viel zu dicht beieinander und gingen ziemlich schnell wieder ein.

    Eine Teufelskralle hielt sich immerhin ganz wacker und wurde von den Kindern stolz beäugt.

    Mein nächster Versuch waren Ringelblumen.

    Diesmal wusste ich es besser.

    Mit viel Liebe und ausreichend Abstand setzte ich die Samen, goss und düngte sogar korrekt dosiert.

    Das Ergebnis:

    Krumme Stiele und unsymmetrische Blüten.

    Gut, dachte ich mir.

    Dann eben Geranien.

    Dann eben Geranien

    Drei hübsche, kräftig rote Exemplare suchte ich mir aus.

    Eine Geranie pro Blumenkasten. Reichlich Platz. Und das Fenster lasse ich eben zu, dann muss ich sie auch nicht riechen.

    Man soll Geranien ordentlich gießen.

    Das klang machbar.

    Also bekamen sie beim morgendlichen Lüften jeweils einen guten Schluck Wasser. An heißen Tagen täglich, an weniger heißen auch mal erst nach zwei oder drei Tagen.

    Und siehe da:

    Sie wachsen.

    Und wachsen.

    Und wachsen.

    Ganz ohne großes Theater und bisher sogar ohne Dünger.

    Knospe um Knospe entsteht. Blüte um Blüte öffnet sich. Die Pflanzen bekommen immer mehr Blätter und werden richtig schön üppig.

    Alle paar Tage zupfe ich die verblühten Blüten heraus. Das geht erstaunlich einfach. Die Geranie ist ein bisschen wie ein Stecksystem aufgebaut – an der richtigen Stelle angefasst, lässt sich das Verblühte einfach abknicken.

    Offenbar habe ich endlich eine Blumenkastenpflanze gefunden, die mit mir zufrieden ist.

    Dummerweise ist es ausgerechnet die, deren Geruch ich nicht leiden kann.

    Sie bleiben

    Inzwischen mag ich meine Geranien trotzdem.

    Sie sind unkompliziert, kräftig und erstaunlich robust. Sie verzeihen es auch, wenn ich mich einmal nicht exakt an einen Gießplan halte, und belohnen mich trotzdem immer wieder mit neuen roten Blüten.

    Und weil sie sich nun schon so tapfer durch den Sommer geschlagen haben, werde ich natürlich versuchen, sie auch durch den Winter zu bringen.

    Das haben sie sich verdient.

    Vielleicht muss schließlich nicht alles perfekt zu einem passen, um einen Platz im eigenen Leben zu bekommen.

    Manches wächst einem offenbar einfach ans Herz.

    Gestank hin oder her.

    Meine Geranien bleiben.

    Ob ich will oder nicht. XD

  • Balance der Woche #006 – Der liebevolle Gedankenstopp

    Balance der Woche #006 – Der liebevolle Gedankenstopp

    Nicht jeder Gedanke, der anklopft, braucht genau jetzt unsere Aufmerksamkeit.

    Manche Gedanken sind hartnäckig.

    Sie tauchen beim Frühstück auf, begleiten uns bei der Arbeit oder melden sich ausgerechnet dann, wenn wir eigentlich einen ruhigen Moment genießen möchten.

    Vielleicht handelt es sich um etwas, das wir noch klären müssen. Eine Sorge. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Oder einfach um eine Situation, die sich in unserem Kopf immer wiederholt.

    Doch nur weil ein Gedanke gerade auftaucht, müssen wir ihm nicht automatisch folgen.

    Wir dürfen entscheiden, wann wir uns mit etwas beschäftigen möchten.

    Genau das möchte ich Dich diese Woche ausprobieren lassen.

    Dein Wellenimpuls

    Beim liebevollen Gedankenstopp geht es nicht darum, einen Gedanken wegzudrücken oder so zu tun, als wäre er unwichtig.

    Du darfst ihn bemerken.

    Und dann einen Moment prüfen:

    Braucht dieser Gedanke mich wirklich jetzt?

    Vielleicht lautet Deine Antwort manchmal: Ja.

    Und manchmal darf sie auch lauten:

    Nicht jetzt. Später.

    Mit diesem Wellenimpuls kannst Du beobachten, wie es sich anfühlt, einem Gedanken nicht automatisch weiterzuverfolgen und Deine Aufmerksamkeit wieder dem Moment zuzuwenden, in dem Du gerade bist.

    Vielleicht entdeckst Du dabei, dass zwischen einem Gedanken und Deiner Reaktion darauf ein kleiner Raum entstehen kann.

    Und dass Du manchmal selbst entscheiden darfst, womit Du ihn füllst.

    Bis nächste Woche.

  • Wut darf sein

    Wut darf sein

    Es gibt Gefühle, die dürfen wir gerne zeigen.

    Freude. Liebe. Dankbarkeit. Begeisterung.

    Und dann gibt es Gefühle, bei denen wir ziemlich schnell lernen, sie wieder einzupacken.

    Wut gehört für mich dazu.

    „Beruhige dich.“

    „Reg dich nicht so auf.“

    „Das ist doch kein Grund, wütend zu werden.“

    Dabei ist Wut erst einmal genau das: ein Gefühl.

    Und vielleicht sollten wir ihr manchmal zuhören, bevor wir versuchen, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

    Wut hat einen Grund

    Ich kann wütend werden, wenn mich jemand verletzt.

    Wenn ich unfair behandelt oder provoziert werde.

    Wenn mich jemand nicht ernst nimmt.

    Oder wenn eine meiner Grenzen überschritten wird.

    Man darf dann wütend sein.

    Und man darf sich wehren.

    Man darf sagen:

    Stopp.

    So möchte ich nicht behandelt werden.

    Das geht mir zu weit.

    Das möchte ich nicht.

    Vielleicht brauchen wir unsere Wut manchmal sogar genau dafür. Sie macht uns darauf aufmerksam, dass etwas für uns nicht stimmt.

    Wut ist nicht Aggression

    Dabei gibt es für mich einen wichtigen Unterschied:

    Wütend zu sein und einen anderen Menschen zu verletzen, ist nicht dasselbe.

    Ich darf wütend sein, ohne jemanden zu beschimpfen oder anzugreifen.

    Ich darf widersprechen.

    Nein sagen.

    Eine Situation verlassen.

    Meine Stimme darf auch einmal lauter werden.

    Ich muss nicht vollkommen ruhig bleiben, damit meine Grenze berechtigt ist.

    Gerade das finde ich wichtig.

    Denn wenn jemand immer wieder gegen meine Grenze drückt, kann meine Reaktion irgendwann deutlicher werden.

    Das macht meine Grenze nicht weniger wertvoll.

    Was möchte meine Wut mir sagen?

    Vielleicht können wir Wut deshalb einmal nicht als Störenfried betrachten, sondern als Hinweis.

    Was passiert hier gerade mit mir?

    Was hat mich getroffen?

    Was brauche ich?

    Wo liegt meine Grenze?

    Was möchte ich schützen?

    Damit wird aus:

    „Ich darf nicht wütend sein.“

    eine viel hilfreichere Frage:

    „Warum bin ich gerade wütend?“

    Und manchmal ist die Antwort überraschend einfach:

    Weil mir etwas wichtig ist.

    Ich kann entscheiden

    Nicht jede Wut muss sofort hinaus in die Welt.

    Manchmal brauche ich erst Abstand.

    Ich kann spazieren gehen. Etwas aufschreiben. Durchatmen. Eine Nacht darüber schlafen.

    Oder sagen:

    „Ich bin gerade zu wütend. Wir reden später darüber.“

    Auch das ist Handlungsfähigkeit.

    Ich muss meine Wut weder hinunterschlucken noch ihr vollkommen die Führung überlassen.

    Ich darf sie wahrnehmen, ernst nehmen und dann entscheiden, was ich damit mache.

    Auch Wut gehört zu mir

    Vielleicht besteht innere Balance gar nicht darin, immer ruhig und ausgeglichen zu sein.

    Wir dürfen uns freuen, wenn wir glücklich sind.

    Weinen, wenn wir traurig sind.

    Angst wahrnehmen, wenn uns etwas Angst macht.

    Und wütend sein, wenn etwas in uns ganz deutlich Nein sagt.

    Für mich bedeutet Balance deshalb auch, allen meinen Gefühlen einen Platz zu geben, ohne dass eines von ihnen alles bestimmen muss.

    Wut darf da sein.

    Sie darf mir zeigen, dass etwas nicht stimmt.

    Sie darf mir Kraft geben, mich zu positionieren.

    Und sie darf wieder gehen.

    Ich muss nicht gegen meine Wut kämpfen.
    Ich darf lernen, ihr zuzuhören.

  • Mimose

    Mimose

    Es gibt Tage, an denen wacht man morgens auf und fühlt sich klein und schwach.

    Man schaut sachte aus seinem Bettenberg in den Raum und möchte sich am liebsten gleich wieder darin eingraben und dort bleiben.

    Unter der Decke ist es warm und unkompliziert.

    Wenn es mir morgens schon so ergeht, dann achte ich an diesem Tag ganz besonders auf mich.

    Ich gehe noch etwas langsamer und mit viel Mitgefühl für mich selbst in den Tag. Ich nehme den Druck heraus, weil ich weiß, dass ich sonst nur schwer durch diesen Tag kommen würde.

    An solchen Tagen nehme ich mir nichts zusätzlich vor – außer dem, was sowieso schon geplant ist.

    Wenn möglich, nehme ich davon sogar noch etwas weg.

    An Schwung und Elan ist nicht zu denken.

    Ich musste erst mit der Zeit lernen, mich an solchen Tagen nicht noch zusätzlich zu überfordern. Nicht gegen mich selbst anzukämpfen, nur weil ich heute weniger Energie habe als gestern.

    Der Kaffee wird langsamer getrunken.

    Vielleicht auch einer mehr.

    Beim Kochen bleibt es bei der einfachen Variante. Im Haushalt bei dem, was wirklich sein muss. Beim Arbeitspensum genauso.

    Man schleppt sich ein wenig durch den Tag und nimmt sich öfter Pausen heraus.

    Bleibt hier und da einfach mal stehen.

    Atmet ein paar bewusste Atemzüge.

    Die Haut fühlt sich dünn und empfindlich an.

    Dabei müssen die Gedanken gar nicht trübe sein.

    Man ist irgendwie neutral. Ausgeglichen. Nicht besonders leicht aus der Ruhe zu bringen.

    Nur empfindlicher.

    Eine Mimose eben.

    Und vielleicht ist das gar nicht schlimm.

    So ein Tag endet bei mir meistens auf dem Sofa. Mit einem Buch, Tee und einem Kreuzworträtsel.

    Ruhig.

    Ohne große Erwartungen.

    Und genauso überraschend, wie wenig Kraft an manchen Tagen schon beim ersten Augenöffnen da ist, ist es an anderen Tagen genau umgekehrt.

    Da ist der Schwung schon da, bevor ich überhaupt richtig wach bin.

    Dann möchte ich aufstehen. Machen. Erleben.

    Beides gehört zu mir.

    Vielleicht muss ich deshalb gar nicht jeden Morgen versuchen, dieselbe Version von mir zu sein.

    Manche Tage dürfen leise sein.

  • Ein neuwerdender Mensch

    Ein neuwerdender Mensch

    Nach all diesen Büchern begann ich, Verbindungen zu ziehen.

    Zwischen dem, was ich gelesen hatte, und meinen eigenen Erfahrungen. Zwischen den Büchern untereinander. Zu Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter. Zu meiner Kindheit und meinem Leben heute.

    Viele Gedanken waren gar nicht neu. Manche kannte ich schon lange, ohne ihnen einen Namen gegeben zu haben.

    Jetzt begannen sie, sich miteinander zu verbinden.

    Und ich fragte mich:

    Sind wir vielleicht ganz schön weit von dem entfernt, was uns eigentlich guttut?

    Immer mehr

    Unser Leben ist voll.

    Voll mit Möglichkeiten, Aufgaben, Terminen, Erwartungen und Dingen.

    Wir können uns rund um die Uhr informieren, beschäftigen und ablenken. Das Handy ist immer dabei. Noch etwas anschauen. Noch etwas erledigen. Noch schnell eine Nachricht beantworten.

    Manchmal kommt es mir vor, als liefen wir in eine Richtung, von der wir selbst gar nicht mehr genau wissen, ob wir dort hinwollen. Und damit es unterwegs nicht zu dunkel wird, nehmen wir alles mit, was ein bisschen leuchtet.

    Handys. Glitzerkram. Dinge. Beschäftigung.

    Dabei mag ich schöne Dinge. Sehr sogar.

    Aber vielleicht ist genau das der Unterschied:

    Ich kann mich an etwas erfreuen, ohne es zu brauchen, um mich gut zu fühlen.

    Ein Fasan und die Ewigkeit

    Bei meinen Überlegungen erinnerte ich mich an eine Geschichte aus meiner Jugend.

    Mein Vater und ich übersetzten gemeinsam einen lateinischen Text. Darin ging ein Abt in einen nahegelegenen Wald und begegnete einem Fasan. Er betrachtete das Tier ausgiebig und versank vollkommen in diesem Augenblick.

    Als er zum Kloster zurückkehrte, war dort eine unvorstellbar lange Zeit vergangen.

    Als Jugendliche faszinierte mich diese Geschichte.

    Für mich erklärte sie auf eine ganz einfache Weise etwas, das ich vorher kaum greifen konnte:

    Unendlichkeit.

    Nicht unendlich viele Minuten hintereinander.

    Sondern einen Zustand, in dem Minuten keine Rolle mehr spielen.

    Kein Zeitgefühl.

    Nur Sein.

    Als Kinder können wir das noch ziemlich gut.

    Wir spielen, malen, bauen, beobachten – und irgendwann sind Stunden vergangen.

    Als Erwachsene passiert uns das manchmal auch noch. Beim Lesen. Gärtnern. Basteln. Kochen. Wandern. In einem wunderbaren Gespräch.

    Und dann schauen wir auf die Uhr:

    Huch! Schon so spät?!

    Sofort kommt der Stress zurück.

    Dabei war doch gerade dieser Moment vorher so unglaublich wohltuend.

    Warum erschrecken wir uns eigentlich darüber, vollkommen in etwas aufgegangen zu sein?

    Vielleicht war das keine verlorene Zeit.

    Vielleicht war es besonders gut verbrachte Zeit.

    Muss ein Lebensweg gerade sein?

    Auch meine Vorstellung davon, wie ein Leben auszusehen hat, begann sich zu verändern.

    Schule. Ausbildung oder Studium. Beruf. Arbeiten. Und möglichst lange auf diesem einmal eingeschlagenen Weg bleiben.

    Aber wir selbst bleiben doch auch nicht gleich.

    Unsere Interessen verändern sich. Unsere Fähigkeiten entwickeln sich. Manches verliert an Bedeutung und anderes entdecken wir erst viel später.

    Warum sollte unser äußerer Lebensweg unbeweglich bleiben, wenn wir selbst es nicht sind?

    Immer mehr Menschen üben nicht ihr ganzes Leben denselben Beruf aus.

    Vielleicht ist das gar keine Unbeständigkeit.

    Vielleicht ist es manchmal einfach Entwicklung.

    Alles ist im Fluss.

    Dieser Gedanke bekam für mich plötzlich eine ganz praktische Bedeutung.

    Auch ich darf im Fluss sein.

    Ich darf etwas beginnen und etwas beenden. Ich darf feststellen, dass etwas nicht mehr zu mir passt. Ich darf mich umentscheiden.

    Und ich darf mit vierzig etwas entdecken, das ich mit zwanzig noch überhaupt nicht sehen konnte.

    Ich war doch schon jemand

    2019 wollte ich mich verändern.

    Ich lag mit Migräne im dunklen Keller und wollte herausfinden, was mit mir nicht stimmte.

    Ich las. Reflektierte. Gestaltete meine Kronkorken mit Worten wie Stärke, Kraft, Zuversicht und Ruhe.

    Ich wollte wieder funktionieren.

    Dann begann ich irgendwann zu verstehen, dass vielleicht schon die Frage nicht richtig war.

    Nicht:

    Wie werde ich wieder so, dass alles funktioniert?

    Sondern:

    Wie möchte ich eigentlich leben?

    Später kamen weitere Bücher dazu.

    Gedanken über Veränderung, Vergänglichkeit, Mitgefühl und Verantwortung.

    Und schließlich ein Buch, bei dem ich eine Seite nach der anderen umknickte, weil mir so vieles darin bekannt vorkam.

    Ich fand Gedanken meiner Eltern wieder.

    Meine Liebe zu meinen Kindern.

    Meine eigenen Erfahrungen.

    Mich.

    Und irgendwann verstand ich:

    Ich war doch schon jemand.

    Aber dieser Jemand musste nicht für immer genau so bleiben.

    Die Kraft der Gedanken

    Heute bedeutet „Kraft der Gedanken“ für mich deshalb etwas anderes als damals.

    Ich glaube nicht, dass ich nur positiv genug denken müsste und dann würde alles gut.

    So funktioniert das Leben nicht.

    Menschen werden krank. Menschen erleben Dinge, die sie sich nicht ausgesucht haben. Es gibt Ungerechtigkeit, Verlust und Schmerz.

    Gedanken machen all das nicht ungeschehen.

    Aber sie haben trotzdem Kraft.

    Denn sie beeinflussen, welche Fragen ich stelle.

    Ich kann das sowieso nicht.

    Oder:

    Wie könnte ich es versuchen?

    Ich habe versagt.

    Oder:

    Was kann ich daraus lernen?

    Jetzt ist es eben so und muss für immer so bleiben.

    Oder:

    Alles ist im Fluss.

    Gedanken können die Wirklichkeit nicht beliebig verändern.

    Aber sie können verändern, wie ich ihr begegne.

    Das ist für mich heute ihre eigentliche Kraft.

    Ein neuwerdender Mensch

    Vielleicht ist genau das der Gedanke, der all diese Bücher und meine eigenen Erfahrungen miteinander verbindet.

    Ich bin nicht fertig.

    Und ich muss es auch nicht sein.

    Ich darf meine Meinung ändern. Mich irren. Etwas ausprobieren und wieder lassen. Träumen. Etwas Neues lernen. Einen anderen Weg einschlagen.

    Ich darf mich verändern, ohne damit den Menschen abzulehnen, der ich vorher gewesen bin.

    Und manchmal darf ich vollkommen in einem Augenblick versinken und irgendwann überrascht feststellen:

    Huch. Schon so spät?

    Vielleicht muss ich gar nicht mein ganzes Leben damit verbringen, irgendwann die endgültige Version meiner selbst zu werden.

    Vielleicht gibt es sie überhaupt nicht.

    Denn solange ich erlebe, kann ich lernen.

    Solange ich lerne, kann ich mich verändern.

    Und solange ich mich verändern kann, werde ich.

    Das nimmt mir inzwischen erstaunlich viel Druck.

    Ich muss nicht fertig werden.

    Ich bin ein neuwerdender Mensch.

  • Gedanken, die ich schon kannte.

    Gedanken, die ich schon kannte.

    Manchmal begegnet uns in einem Buch etwas Neues – und fühlt sich trotzdem erstaunlich vertraut an.

    Beim Lesen machte ich es wie so oft mit Büchern, die mir etwas bedeuten: Ich knickte Seiten um.

    Für mich.

    Und vielleicht auch für spätere Leser.

    Es wurden ziemlich viele.

    Immer wieder stieß ich auf einen Gedanken, bei dem ich innehielt. Nicht unbedingt, weil er vollkommen neu für mich war. Manchmal war genau das Gegenteil der Fall.

    Ich kannte ihn schon.

    Ich hatte ihn vielleicht nie genauso formuliert. Ich hatte ihm keinen Namen gegeben und ihn keinem bestimmten Wertesystem zugeordnet. Aber ich hatte ihn gedacht, erlebt oder irgendwann von einem Menschen gehört, der mir nahestand.

    Und genau das machte mich beim Lesen so aufgeregt.

    Was glauben wir eigentlich leichter?

    Auf einer dieser Seiten ging es um einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ:

    Dass Menschen offenbar sehr leicht glauben können, dass andere Menschen grausam, egoistisch oder rassistisch sind. Die Vorstellung dagegen, Menschen könnten friedlich miteinander leben, einander in ihren unterschiedlichen Fähigkeiten wertschätzen und sich nicht ständig miteinander vergleichen, erscheint schnell unrealistisch.

    Warum eigentlich?

    Warum erscheint uns das Schlechte manchmal glaubwürdiger als das Gute?

    Wir hören von Krieg, Gewalt, Ausgrenzung und Grausamkeit und sagen: Ja. So sind Menschen eben.

    Erzählt jemand von einer Gemeinschaft, in der Menschen einander achten, füreinander sorgen und die Begabungen des anderen nicht als Bedrohung der eigenen empfinden, werden wir skeptisch.

    Zu schön, um wahr zu sein.

    Vielleicht sagt diese Reaktion mindestens genauso viel über unsere Vorstellungen vom Menschen aus wie über den Menschen selbst.

    Ich wollte jedenfalls nicht glauben, dass Grausamkeit realistischer sein soll als Menschlichkeit.

    Sich selbst annehmen

    Einige Seiten später begegnete mir etwas noch Vertrauteres.

    Es ging um Verzeihen. Darum, nicht über sich selbst zu richten, sondern aus der eigenen Vergangenheit zu lernen. Sich anzunehmen. Aufrichtig mit sich selbst zu sein. Und um den Gedanken, dass Liebe zu anderen Menschen auch etwas damit zu tun hat, wie wir uns selbst begegnen.

    Da musste ich lächeln.

    Das kannte ich.

    Das hatten mir meine Mutter und mein Vater während meiner Pubertät vermittelt.

    Und sogar mein erster fester Freund sagte etwas Ähnliches zu mir, als er sich von mir trennte. Ich war elf oder zwölf Jahre alt.

    Damals konnte ich mit solchen Sätzen wahrscheinlich noch nicht allzu viel anfangen.

    Heute schon.

    Sich selbst zu lieben bedeutet für mich nicht, sich großartig zu finden. Es bedeutet auch nicht, keine Fehler mehr an sich sehen zu dürfen.

    Vielleicht bedeutet es zunächst etwas viel Einfacheres:

    Sich selbst nicht ständig verlassen zu müssen, um von anderen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber

    Dann las ich von dem Gefühl, von anderen Menschen vollkommen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber.

    Nicht schöner, klüger, erfolgreicher oder angepasster sein zu müssen. Nicht erst etwas leisten zu müssen, um wertvoll zu sein.

    Auch dieses Gefühl kannte ich.

    Von meinen Kindern.

    Wenn ich an die Liebe zu ihnen denke, brauche ich keine Begründung dafür.

    Sie müssen nichts tun, um diese Liebe zu verdienen.

    Sie müssen nicht besonders erfolgreich sein. Sie müssen nicht so sein, wie ich es mir vorgestellt habe. Sie müssen mir nicht ähnlich sein.

    Sie sind sie.

    Und ich liebe sie.

    Vielleicht ist bedingungslose Liebe genau deshalb so kraftvoll: Weil ein Mensch für einen Moment aufhören darf, sich seinen Wert verdienen zu müssen.

    Haben, werden, sein

    Andere umgeknickte Seiten führten mich wieder zurück zu Gedanken, die mich schon beim Buddhismus beschäftigt hatten.

    Besitz.

    Ruhm.

    Erfolg.

    Älterwerden.

    Warum feiern wir beispielsweise jedes Jahr, dass wir ein Jahr älter geworden sind?

    Eigentlich haben wir dafür überhaupt nichts getan.

    Wir waren lediglich da.

    Ich musste über diesen Gedanken schmunzeln.

    Natürlich möchte ich Geburtstage trotzdem feiern. Sehr sogar.

    Aber die Frage dahinter gefiel mir: Was halten wir eigentlich für feiernswert?

    Dass ein weiteres Jahr vergangen ist?

    Oder dass ein Mensch gewachsen ist?

    Dass er etwas verstanden hat, was er vorher nicht verstehen konnte?

    Dass er etwas überwunden hat?

    Dass er mutiger, liebevoller oder vielleicht einfach ein kleines bisschen mehr er selbst geworden ist?

    Vielleicht sollten wir viel häufiger Dinge feiern, für die es keinen Eintrag im Kalender gibt.

    Und wieder: der Körper

    Dann kam ich zu Seiten, bei denen ich unweigerlich an meinen goldenen Käfig denken musste.

    An meine Migräne.

    An meine Skoliose.

    An die Frage, die einige Jahre zuvor überhaupt erst alles ins Rollen gebracht hatte.

    Welche Rolle spielen Gefühle, Gedanken und unsere innere Verfassung für unser Wohlbefinden?

    Das Buch brachte mich erneut auf die Vorstellung, dass körperliche Einschränkungen manchmal auch zum Innehalten zwingen können.

    Heute würde ich daraus keine einfache Gleichung machen.

    Krankheit bedeutet nicht automatisch, dass irgendwo ein ungelöstes seelisches Problem versteckt liegt. Und gute Gedanken machen einen Menschen nicht automatisch gesund.

    Aber einen Gedanken daraus habe ich behalten:

    Mein Körper gehört zu mir.

    Er läuft nicht unabhängig von meinem Leben irgendwo nebenher.

    Wie ich schlafe. Wie ich lebe. Wie viel Druck ich empfinde. Ob ich mich sicher fühle. Ob ich ständig angespannt bin. Ob ich mich bewege. Ob ich Ruhe finde.

    All das gehört zu meinem Leben.

    Vielleicht muss ich meinen Körper deshalb nicht immer nur zum Funktionieren bringen.

    Vielleicht darf ich ihm auch zuhören.

    Zu beschäftigt mit dem Sein, um zu werden

    Und dann knickte ich wieder eine Seite um.

    Dort begegnete mir die Vorstellung einer Menschheit, die noch lange nicht fertig entwickelt ist. Einer Welt, die weiterhin ein unfertiges Projekt ist. Und Menschen, die möglicherweise so sehr mit ihrem gegenwärtigen Sein beschäftigt sind, dass ihnen kaum Raum zum Werden bleibt.

    Ich hielt inne.

    Bin ich das etwa auch?

    Ja.

    Natürlich.

    Wie oft war ich damit beschäftigt gewesen, meinen Alltag am Laufen zu halten?

    Termine. Haushalt. Studium. Arbeit. Familie. Verpflichtungen.

    Funktionieren.

    Das Sein verwalten.

    Aber wann war eigentlich Zeit zum Werden?

    Diese Frage traf etwas in mir.

    Denn vielleicht bin ich gar kein fertiger Mensch, an dem hier und da noch etwas repariert werden muss.

    Vielleicht bin ich ein Mensch, der sich sein ganzes Leben lang verändert.

    Was darf noch weg? Was darf dazukommen?

    Ein weiterer Gedanke gefiel mir deshalb besonders: Veränderung beginnt damit, dass ich selbst ihre Notwendigkeit erkenne.

    Nicht weil jemand anderes entscheidet, was an mir falsch ist.

    Nicht weil ich irgendeiner Vorstellung entsprechen soll.

    Sondern weil ich merke: So möchte ich nicht weitermachen.

    Und dann darf etwas gehen.

    Eine Gewohnheit.

    Eine Vorstellung.

    Ein Anspruch.

    Vielleicht sogar ein Lebensentwurf.

    Und etwas anderes darf dazukommen.

    Mut.

    Ruhe.

    Neugier.

    Eine neue Fähigkeit.

    Eine andere Art, über mich selbst zu denken.

    Plötzlich war Veränderung für mich nicht mehr nur die Aufforderung:

    Du musst anders werden.

    Sie konnte auch bedeuten:

    Du darfst noch werden.

    Das ist etwas völlig anderes.

    Tagsüber träumen

    Eine meiner liebsten umgeknickten Seiten beschäftigte sich mit dem Träumen.

    Mit der Vorstellung, wir würden nachts vielleicht auch deshalb so viel träumen, weil unsere Gesellschaft für das Träumen am Tag wenig übrig hat. Besonders für das Träumen mit offenen Augen.

    Auch dieser Gedanke gefiel mir sofort.

    Denn wann hatten wir eigentlich beschlossen, dass Tagträumen Zeitverschwendung ist?

    Dass ein erwachsener Mensch immer irgendeinen Zweck verfolgen muss?

    Vielleicht brauchen wir diese zweckfreien Gedanken.

    Dieses Spinnen.

    Ausmalen.

    Erfinden.

    Vielleicht beginnt manches Neue genau dort, wo wir für einen Moment aufhören, vernünftig sein zu müssen.

    Die umgeknickten Seiten

    Als ich irgendwann auf das Buch mit seinen ganzen Knicken schaute, wurde mir etwas bewusst.

    Ich hatte dort nicht einfach eine Ansammlung fremder Wahrheiten gefunden.

    Vieles davon war mir längst begegnet.

    In meiner Kindheit.

    In Gesprächen mit meinen Eltern.

    In meiner ersten Liebe.

    In der Liebe zu meinen Kindern.

    In meinem Körper.

    In meinen Krisen.

    Und in meinen eigenen Gedanken.

    Vielleicht war genau deshalb manches beim Lesen so aufregend.

    Jemand hatte Worte für etwas gefunden, das in mir längst vorhanden war.

    Und vielleicht ist das eine der schönsten Erfahrungen, die man mit einem Buch machen kann.

    Nicht:

    Jetzt weiß ich endlich, was ich glauben soll.

    Sondern:

    Da ist etwas, worüber ich weiterdenken möchte.

    Und das tat ich.

    Denn langsam begannen sich all diese einzelnen Gedanken miteinander zu verbinden.

    Der goldene Käfig.

    Mein Körper.

    Die heilsamen Gedanken.

    Meine Eltern.

    Meine Kinder.

    Das Werden.

    Und diese merkwürdig beruhigende Vorstellung, dass weder ich noch die Welt bereits fertig sein müssen.

    Vielleicht musste ich gar kein anderer Mensch werden.

    Vielleicht durfte ich einfach anfangen, ein neuwerdender Mensch zu sein.

  • Heilsame Gedanken

    Heilsame Gedanken

    Angestoßen durch „Grundgedanken des Buddhismus“ von Verena Reichle

    In meiner bis hierhin größten Lebenskrise – das Leben hält bestimmt noch die eine oder andere Prüfung für mich bereit – entdeckte ich im Winter 2025 in einem Bücherschrank einige Bücher über Buddhismus.

    Mein gelernter Glaube half mir damals nicht weiter. Und, wenn ich ehrlich bin, tut er das auch heute nur bedingt.

    Nicht dabei, Dinge anzunehmen. Nicht dabei, Lösungen zu finden. Nicht dabei, glücklich zu sein.

    Vielleicht weiß ich auch einfach zu wenig über meine eigene Konfession. Für mich war mein Glaube immer vor allem menschliche Gemeinschaft, Zuversicht und Demut.

    Der Buddhismus hingegen – besonders seine Denk- und Seinsweise – war mir schon hier und da begegnet. In Dokumentationen, während meiner Schulzeit, in einzelnen Gedanken und Lehrsätzen. Mein Vater hatte mir das Meditieren erklärt.

    Aber wirklich beschäftigt hatte ich mich damit nie.

    Bis ich das Buch von Verena Reichle über die Grundgedanken des Buddhismus las.

    Und ziemlich zu Anfang passierte etwas, das mir gefiel:

    Ich sollte erst einmal einiges von dem vergessen, was ich glaubte, über Buddhismus zu wissen.

    Die Autorin räumt mit Missverständnissen auf und stellt einige verbreitete Vorstellungen richtig.

    Dabei begann mich eine Frage zu beschäftigen: Was passiert eigentlich mit einem Wertesystem, wenn es über sehr lange Zeit von Menschen gelebt, weitergegeben, ausgelegt und verändert wird?

    Vielleicht wird es immer menschlicher.

    Es entstehen Traditionen, Regeln, Rituale und Vorstellungen. Und irgendwann kann das, was ursprünglich hinter all dem stand, für einen Außenstehenden kaum noch zu erkennen sein.

    Zu dogmatisch. Zu streng. Zu viele Regeln, die man erst einmal lernen müsste.

    Genau damit konnte ich wenig anfangen.

    Mit etwas anderem dafür umso mehr.

    Ich muss nicht einfach glauben

    Ich entwickelte beim Lesen die Vorstellung, dass ich eine Lehre nicht deshalb annehmen muss, weil jemand sagt, sie sei wahr.

    Ich darf beobachten.

    Ausprobieren.

    Erfahren.

    Und auch hinterfragen.

    Erst durch meine eigenen Erfahrungen kann ich feststellen, ob ein Gedanke für mich heilsam ist oder mir nicht weiterhilft.

    Nichts anderes machen Kinder. Und wir sollten sie dabei unterstützen ihre Erfahrungen machen zu lassen.

    Doch ein Dogma muss ich nicht verstehen. Ich muss mich danach richten.

    Eine Idee dagegen, die ich selbst erproben, hinterfragen und vielleicht sogar verwerfen darf, kann ich verstehen. Und wenn sie sich für mich bewährt, kann ich versuchen, danach zu leben.

    Das gefiel mir.

    Auch die Offenheit faszinierte mich.

    Ein heilsamer Gedanke wird nicht deshalb wertlos, weil er irgendwo anders entstanden ist. Andere Vorstellungen müssen nicht bekämpft werden, nur weil sie anders sind. Und Fragen, auf die wir ohnehin keine endgültige Antwort finden können, müssen vielleicht auch gar nicht abschließend beantwortet werden.

    Damit kam mir ein weiterer Gedanke, der mir gefiel:

    Vielleicht muss ich gar nicht alles wissen.

    Vielleicht können wir Teile erkennen, ohne daraus gleich eine allgemeingültige Wahrheit für alle Menschen machen zu müssen.

    Wir sind Teil eines viel größeren Systems, dessen Ganzes wir vermutlich niemals vollständig erfassen können.

    Das empfand ich nicht als beängstigend.

    Im Gegenteil.

    Ich empfand es als entlastend.

    Alles ist im Fluss

    Auch machte ich mir über die buddhistischen Gedanken von Vergänglichkeit und Veränderung Gedanken.

    Alles kommt und geht.

    Alles verändert sich.

    Nichts bleibt für immer genau so, wie es gerade ist.

    Gerade in einer Lebenskrise ist das ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

    Denn wenn alles im Fluss ist, gilt das schließlich auch für das, was gerade unerträglich erscheint.

    Es wird nicht für immer genau so bleiben.

    Auch mit Vorstellungen wie Wiedergeburt und Karma begann ich mich durch das Buch inspiriert auseinanderzusetzen. Nicht in dem Sinne, dass ich plötzlich wusste, wie die Welt funktioniert.

    Das weiß ich bis heute nicht.

    Aber die dahinterliegenden Gedanken faszinierten mich.

    Dass unser Handeln Folgen hat.

    Dass das, was wir in die Welt geben, etwas bewirkt.

    Dass ich Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen kann, ohne mich deshalb für jeden Fehler auf ewig schuldig sprechen zu müssen.

    Fehler machen. Erkennen. Lernen. Weitergehen.

    Und dabei zuerst auf das eigene Handeln schauen, statt ständig über das der anderen zu urteilen.

    Gerade letzteres ist verdammt schwierig.

    Aber vielleicht muss etwas nicht leicht sein, um erstrebenswert zu sein.

    Auch die Gedanken zum Verhältnis von Besitz beschäftigten mich beim Lesen.

    Ich darf mich an etwas Schönem erfreuen, ohne dass mein Glück davon abhängen muss, es zu besitzen.

    Das Schöne wird nicht schöner, nur weil es mir gehört.

    Eine Blume muss mir nicht gehören, damit ich sie betrachten kann.

    Ein Ort nicht, damit ich mich dort wohlfühlen darf.

    Ein Augenblick nicht, damit er wertvoll gewesen ist.

    Was davon bei mir blieb

    Diese Gedanken gaben mir damals sehr viel Zuversicht.

    Und genau deshalb möchte ich gar nicht behaupten, dass ich Buddhistin geworden bin.

    Bin ich nicht.

    Ich möchte auch nicht alles glauben müssen.

    Gerade das war schließlich etwas, das mich daran angesprochen hatte.

    Aber ich möchte daran glauben dürfen, dass alles zusammengehört.

    Dass alles im Fluss ist.

    Dass wir uns verändern können.

    Auch positiv.

    Auch heilsam.

    Ich bin ein Teil dieses Ganzen. Und wenn ich mich diesem Gedanken öffne, fühle ich mich nicht vollkommen allein.

    Ich nehme Druck und Ansprüche aus meinem eigenen Leben heraus.

    Meine Werte liegen in Menschlichkeit, Verständnis und Toleranz. In Liebe und Mitgefühl für meine Mitmenschen.

    Das bedeutet für mich allerdings nicht, naiv zu sein.

    Ich sehe Ungerechtigkeit.

    Ich sehe Grausamkeit.

    Ich weiß, dass Menschen einander Schreckliches antun können.

    Trotzdem möchte ich daran festhalten, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, sein eigenes Handeln zu betrachten und vielleicht irgendwann zu erkennen, was ihm selbst, anderen Menschen und dem Ganzen guttut.

    Vielleicht ist das idealistisch.

    Damit kann ich leben.

    Denn von all den Gedanken, die ich hätte wählen können, möchte ich lieber einen wählen, der mich zu mehr Menschlichkeit führt als zu weniger.

    Wenn es etwas gibt, das zwischen Menschen heilsam wirken kann, dann sind es Aufeinanderzugehen, Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz.

    Vielleicht wäre es leichter, mit einem solchen Wertesystem aufzuwachsen.

    Vielleicht aber auch nicht.

    Vielleicht gehört es gerade dazu, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg dorthin finden muss.

    Ich bin meinen jedenfalls noch lange nicht zu Ende gegangen.

    Aber damals, mitten in einer meiner größten Lebenskrisen, fand ich in einem Bücherschrank ein paar Bücher.

    Und darin Gedanken, die mir halfen.

    Nicht weil ich sie glauben musste.

    Sondern weil ich darüber nachdenken durfte.

  • Der goldene Käfig

    Der goldene Käfig

    2019 bekam ich starke Migräne. Einfach so.

    Ich hatte das vorher noch nie erlebt, aber natürlich schon viel davon gehört. Von unerbittlichen Schmerzen, vor denen man nicht fliehen kann. Von Menschen, die während einer Attacke kaum noch ein normales Leben führen können.

    Nun wusste ich, wovon sie sprachen.

    Meine Migräneattacken überfielen mich meistens am späten Nachmittag. Dann, wenn mein damaliger Mann nach Hause kommen sollte.

    Mein Neurologe war sehr einfühlsam. Er und seine Familie waren selbst migränegeplagt. Er sagte mir irgendwann, dass er Migräne – trotz ihrer medizinischen Komplexität – auch als mögliche Stresserscheinung erlebe. Nimmt man bei Migränepatienten den Druck heraus, würden die Attacken bei manchen weniger oder seltener.

    Wir probierten verschiedene Medikamente aus. Schlussendlich bekam ich regelmäßig eine Spritze in den Oberschenkel. Die half tatsächlich sehr gut.

    Trotzdem blieb eine Frage hängen:

    Was, wenn mein Neurologe zumindest teilweise recht hatte?

    Was, wenn ich unter Stress litt?

    Und was, wenn die Migräne nur das Symptom war?

    Ich war zu dieser Zeit unruhig und unglücklich und wusste nicht wirklich, warum. Alles fiel mir schwer.

    Dabei war doch eigentlich alles gut.

    Ich studierte in Vollzeit, arbeitete nebenbei als Übungsleiterin, kümmerte mich um einen Haushalt mit etwa 150 Quadratmetern und Garten und natürlich um meine kleinen Lieblingsmenschen, für die ich mich jeden Tag liebevoll aufopferte und die einfach meine Welt waren.

    Ich war doch glücklich.

    Oder?

    Dann lag ich eines Tages wieder mit einer Migräneattacke im dunklen, kühlen Keller. Kühlakkus an den Schläfen. Das Stechen hinter meinem Auge war so stark, dass selbst Dunkelheit und Kälte kaum etwas ausrichten konnten.

    Und plötzlich entstand ein Bild in meinem Kopf.

    Ein goldener Käfig.

    Ich verstand es nicht.

    Golden – ja.

    Aber ein Käfig?

    Wieso sollte ich in einem Käfig sitzen? Ich war doch frei.

    Das Bild blieb.

    Fest in dem Glauben, meine Migräne – oder vielleicht auch meine Niedergeschlagenheit – mit guten Gedanken eindämmen zu können, bestellte ich mir ein Buch von Hans-Peter Hepe: Heilung aus eigener Kraft – Der effektive Weg aus Krankheit, Krise und Konflikt.

    Gleichzeitig begann ich ein Projekt.

    Meine ältesten kleinen Lieblingsmenschen hatten Jahre zuvor Kronkorken am Rhein und in Parks gesammelt. Ich wusch sie und gestaltete sie mit viel Geduld und Feingefühl zu kleinen Kunstwerken.

    Sie bekamen Namen.

    Zusammenhalt. Stärke. Kraft. Zuversicht. Ruhe.

    Sie warten übrigens bis heute darauf, zu einem Mobile zusammengesetzt zu werden.

    Manche Projekte brauchen offenbar etwas länger.

    Ich las, bastelte und reflektierte.

    „Heilung aus eigener Kraft“ – das gefiel mir als Gedanke.

    Meine Mutter hatte schon immer, wenn ich mich verletzt hatte, gesagt:

    „Ist es nicht toll? Man muss gar nichts machen. Der Körper heilt von ganz alleine.“

    Stimmt, dachte ich.

    Das ist eigentlich ziemlich faszinierend.

    Aber konnte der Körper das auch bei Migräne?

    Und überhaupt: Was hatte es mit diesem verdammten goldenen Käfig auf sich?

    Beim Lesen kam mir noch ein anderer Satz meiner Mutter immer wieder in den Sinn:

    „Hilf mir, es selbst zu tun.“

    Hilfe zur Selbsthilfe.

    Mich einfach auf andere zu verlassen, konnte also nicht die Lösung sein.

    Aber das tat ich doch überhaupt nicht.

    Im Gegenteil.

    Ich war für andere da.

    Liebend gerne.

    24/7.

    Harmoniebedürftig. Organisationstalent. Trösterin. Köchin. Haushälterin. Studentin. Sportlerin. Mutter. Ehefrau.

    Gut.

    Und wo blieb ich?

    Ich stellte fest: Ich hatte keine Zeit für mich.

    Keine Zeit zum Nachdenken. Kaum freie Zeit. Mein Alltag war genau vorgegeben und richtete sich fast nie danach, was ich gerade brauchte.

    Das war eine Erkenntnis, mit der ich zunächst erstaunlich wenig anfangen konnte.

    Eigentlich machte sie mich eher ärgerlich.

    Wieso braucht ein Mensch auch so viel Zeit für sich selbst?

    Meine Work-Life-Balance war jedenfalls nicht nur ein bisschen aus dem Takt geraten.

    Positiv denken?

    Ich hatte ja nicht einmal Zeit zum Denken.

    Schon seit Jahren hatte ich das Gefühl, meinem eigenen Leben hinterherzurennen. Ich war überall gerade noch rechtzeitig. Alles geschah auf den letzten Drücker. Meine Kontakte wurden weniger, manches oberflächlicher und mein Alltag zunehmend von außen bestimmt.

    Ich war immer weniger diejenige, die handelte.

    Ich reagierte.

    Und irgendwann reagierte ich nicht einmal mehr besonders gut.

    Auch mein Spiegelbild gefiel mir nicht mehr.

    Meine Lösung dafür war zunächst ausgesprochen pragmatisch:

    Ich beschloss einfach, nicht mehr hineinzuschauen.

    Nun ja.

    So konnte es offensichtlich nicht weitergehen.

    Ich las weiter.

    Selbstvertrauen.

    Daran musste ich arbeiten.

    Das Buch deutete körperliche Beschwerden immer wieder im Zusammenhang mit inneren Konflikten und Gefühlen. Ich begann dadurch, über meine Migräne anders nachzudenken. Leistungsdruck – das erschien mir zumindest nicht völlig abwegig. Mein Neurologe hatte schließlich ebenfalls den Zusammenhang zwischen Stress und meinen Attacken angesprochen.

    Also: Druck herausnehmen.

    Nur wie?

    Ich war doch für alles verantwortlich.

    Zumindest fühlte es sich so an.

    Ohne mich lief nichts – oder zumindest nicht so, wie ich es wollte. Kämpfte und sorgte ich dafür, dass etwas so lief, wie ich es für richtig hielt, musste ich mich durchsetzen. Und genau das fiel mir schwer.

    Harmonie zu erhalten, war mein innerstes Bedürfnis.

    Erst sollte es allen anderen gut gehen.

    Und dann, wenn noch Zeit übrig war, vielleicht mir.

    Damit war ich lange gut gefahren.

    Bis mich die Migräne überrollte und mein Körper offenbar sagte:

    Nein.

    Beim Lesen begegnete mir immer wieder der Gedanke, die Ursachen dafür könnten in der eigenen Vergangenheit oder Kindheit liegen.

    Damit konnte ich wenig anfangen.

    Meine Kindheit?

    Ich hatte sie hunderttausendmal reflektiert. Ich hatte meine Lehren daraus gezogen. Ich war mit meiner Familie im Reinen. Meine Eltern und ich hatten längst eine neue Ebene miteinander gefunden.

    Ich fühlte mich frei, wenn ich an meine Kindheit dachte.

    Und irgendwann dachte ich:

    Stopp. Wer sagt eigentlich, dass ich dort suchen muss?

    Dann entdeckte ich ein Kapitel, bei dem ich besonders aufmerksam wurde.

    Skoliose.

    Eine Skoliose hatte ich bereits im Jugendalter entwickelt. Behandlungsbedürftig war sie damals nicht, schmerzhaft allerdings schon.

    In dem Buch wurde auch sie sinnbildlich gedeutet: Ein Mensch stehe nicht genügend für sich selbst ein. Er wünsche sich Veränderung, könne sich aber nicht durchsetzen. Er bleibe – während die Wirbelsäule gewissermaßen versuche, auszuweichen.

    Ich las das nicht als medizinische Erklärung meiner Skoliose.

    Aber als Bild traf es mich wie ein Blitz.

    Denn plötzlich stimmte etwas an meiner bisherigen Erklärung nicht mehr.

    Meine Skoliose war nach meiner Abnabelung vom Elternhaus stagniert. Meine Eltern und ich hatten eine andere familiäre Ebene erreicht. Ich war längst unabhängig von ihnen und empfand von ihrer Seite keinen entsprechenden Druck mehr.

    Das war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 15 Jahre her.

    Ich war gut mit meiner Vergangenheit.

    Aber warum nahm meine Skoliose nach dem Stagnieren wieder Fahrt auf?

    Warum gerade jetzt?

    Und wenn ich dieses Bild aus dem Buch einmal weiterspann:

    Wovor wollte ich mich eigentlich wegschieben?

    Ich war doch glücklich.

    In meinem goldenen Käfig.

    Langsam begann ich, etwas zu begreifen.

    Vielleicht musste ich nicht immer weiter in meiner Vergangenheit suchen.

    Vielleicht musste ich mir meine Gegenwart ansehen.

    Ich hatte meinem damaligen Mann schon seit Jahren gesagt, dass ich das Gefühl hatte, ständig hinterherzurennen. Ich brauchte Entlastung und Veränderungen. Doch wenn ich versuchte, Dinge anders zu gestalten oder mich durchzusetzen, wurde das schwierig. Mein Wunsch nach Harmonie führte wiederum dazu, dass ich mich selbst zurücknahm.

    Und damit änderte sich eine entscheidende Frage.

    Nicht mehr nur:

    Was stimmt mit mir nicht?

    Sondern:

    Was stimmt mit den Bedingungen nicht, unter denen ich versuche, zu funktionieren?

    Das war neu.

    Und ziemlich unbequem.

    Denn damit konnte ich nicht mehr jedes Problem mit noch mehr Selbstoptimierung lösen.

    Noch besser organisieren. Noch belastbarer werden. Noch positiver denken. Noch mehr Verständnis haben. Noch ein bisschen mehr schaffen.

    Vielleicht war ich gar nicht ausschließlich diejenige, an der etwas verändert werden musste.

    Vielleicht musste sich auch etwas um mich herum verändern.

    Nach der Lektüre ereignete sich eine große körperliche Veränderung in meinem Leben. Meine Migräne verschwand schließlich vollständig. Sie ist bis heute nicht zurückgekehrt. Danach beendete ich meine Bachelorarbeit, ging ins Masterstudium und hatte letztlich sogar noch mehr Aufgaben als vorher.

    Das fand ich bemerkenswert.

    Denn wenn allein die Menge meiner Aufgaben das Problem gewesen wäre, hätte das eigentlich nicht passieren dürfen.

    Die Migräne ging.

    Die Erkenntnisse blieben.

    Und sie veränderten meine Wahrnehmung.

    Ich wollte nicht mehr Harmonie um jeden Preis.

    Ich wollte gesund bleiben.

    Vielleicht war genau das mein Erwachen.

    Und der Beginn meines Weges, mich mit der Kraft der Gedanken auseinanderzusetzen.

    Nicht, weil Gedanken jede Krankheit heilen könnten.

    Sondern weil die Art, wie wir über uns, unser Leben und unsere Möglichkeiten denken, beeinflusst, welche Fragen wir überhaupt stellen.

    Meine erste neue Frage hatte ich gefunden:

    Was, wenn ich gar nicht nur mich verändern muss?

  • Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Manchmal steckt in einem einzigen Bissen viel mehr, als wir im Alltag bemerken.

    Essen begleitet uns jeden Tag. Oft essen wir ganz selbstverständlich, während wir reden, nachdenken oder schon beim nächsten Gedanken sind.

    Diese Woche möchte ich Dich einladen, für einen kleinen Moment genauer hinzuspüren.

    Nicht darauf, was Du isst.
    Nicht darauf, wie viel Du isst.

    Sondern darauf, was geschieht, wenn Du einen einzigen Bissen ganz bewusst wahrnimmst.

    Dein Wellenimpuls

    Diese Woche beginnt Deine kleine Entdeckungsreise schon vor dem ersten Bissen.

    Wie fühlt sich Dein Mund an? Wo liegt Deine Zunge? Was verändert sich, wenn das Essen Deinen Mund berührt? Und wie entwickelt sich Geschmack eigentlich während des Kauens?

    Du brauchst dafür keine besondere Mahlzeit. Nimm einfach etwas, das Du ohnehin essen möchtest, und schenke dem ersten Bissen ein wenig mehr Aufmerksamkeit.

    Vielleicht schmeckst, fühlst oder bemerkst Du dabei etwas, das Dir beim Essen bisher nie aufgefallen ist.

    Bis nächste Woche.