Schlagwort: Loslassen

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Liebe lässt frei

    Liebe lässt frei

    Im Winter 2022 stolperte ich über einen Spruch:

    „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“

    Wenn ich mir meine Katzen anschaue, denke ich: Ja, irgendwie stimmt das.

    Ich bin gut und lieb zu ihnen, kraule sie und finde, ich verehre sie durchaus adäquat. Katzenklo, Kratzbäume, feines Essen und frisches Trinken. Sie haben alles, was so eine Katze benötigt.

    Obwohl meine zwei Damen drei Jahre beim Vorbesitzer richtige Indoor-Katzen waren, kann ich sie heute in den Garten lassen. Sie könnten gehen. Tun sie aber nicht.

    Natürlich stehen sie auch in einer gewissen Abhängigkeit zu uns. Sie werden von uns versorgt. Aber da ist noch etwas anderes: Pflege, Hege und die grenzenlose Zuneigung, die wir drei Menschen diesen lieben Katzen entgegenbringen.

    Bei einer Liebesbeziehung ist es anders. Unsere Katzen suchen wir uns meistens aus – zwei Menschen entscheiden sich gegenseitig füreinander.

    Und vielleicht beginnt genau da etwas, worüber ich bei diesem Spruch immer wieder nachdenken muss.

    Was bedeutet es eigentlich, einen Menschen zu lieben?

    Wenn ich an meinen Liebes-Menschen denke, kommen mir sofort positive Beschreibungen über ihn in den Sinn. Über sein Aussehen, sein Verhalten mir gegenüber, seine Art und Weise, Dinge anzugehen, seinen Respekt vor mir.

    Und darüber, wie ich mich bei ihm fühle.

    Sicher und geborgen.

    Ich freue mich auf diesen Menschen. Und ich weiß: Egal, wie es mir geht, ich muss mich nicht verbiegen. Ich könnte es versuchen – aber wahrscheinlich würde er es ohnehin merken und mir wieder Halt geben. Bewusst oder unbewusst.

    Eine freiwillige Abhängigkeit?

    Nein. Vielleicht möchte ich Abhängigkeit lieber wieder durch Pflege und Hege ersetzen.

    Denn genau da liegt für mich die wichtige Botschaft dieses Spruchs.

    Wenn ich einen anderen Menschen von mir abhängig mache, mich selbst abhängig mache, Forderungen an meine Liebe knüpfe oder ständig Liebe einfordere, ohne auf die Bedürfnisse des anderen zu schauen, entsteht Druck.

    Und Druck fühlt sich nicht nach Freiheit an.

    Wo dagegen Vertrauen ist, darf sich jeder entwickeln. Jeder darf auch für sich selbst ein ganzer Mensch bleiben.

    Ich vertraue meinem Liebes-Menschen und lasse ihm seine Freiheiten, seine Hobbys und seine Eigenheiten. Er darf Dinge erleben, die nichts mit mir zu tun haben. Eigene Gedanken haben. Eigene Interessen. Eigene Zeit.

    Und dann kommt er wieder.

    Nicht, weil er muss.

    Sondern weil zwischen uns etwas entstanden ist, zu dem er zurückkehren möchte.

    Vielleicht bedeutet „freilassen“ deshalb gar nicht, jemanden gehen zu lassen.

    Vielleicht bedeutet es, einen Menschen nicht festhalten zu müssen.

    Vertrauen und Liebe – ich lasse frei.

  • Der Boden trägt Dich

    Der Boden trägt Dich

    Schwere ist nicht nur Belastung. Schwere gibt Halt. Sie verbindet uns mit dem Boden und macht uns spürbar. Gedanken können unsere Muskelspannung und damit unsere innere Balance beeinflussen. Manchmal beginnt Entspannung genau dort, wo wir lernen, unser Gewicht bewusst loszulassen.

    Wieviel Gewicht ein entspannter Körper tatsächlich hat, wurde mir bewusst, als ich beim Rettungsschwimmerkurs meine Partnerin „bewusstlos“ aus dem Wasser ziehen sollte. Es gibt hierfür bestimmte Griffe, um einen schlaffen Körper aus dem Wasser herausziehen zu können. Wenn keine Gedanken und Erwartungen des Gehobenen den Hebenden unterstützen, wirkt der Körper spürbar schwerer.

    Muskelentspannungsübungen praktiziere ich schon seit über 15 Jahren. Ich war ein sehr aktives, lebendiges Kind. Ständig auf Bäumen und Mauern unterwegs. Rennen gab mir das Gefühl vom Fliegen – und ich war richtig schnell.

    Mein Muskeltonus, so sagte mir einst ein Orthopäde, als ich ihn von Rückenschmerzen geplagt und ratlos aufsuchte, sei sehr hoch. Also eine gesunde Grundspannung? Nein, eher überdurchschnittlich – und damit war meine Balance bereits aus dem Gleichgewicht geraten.

    Das ist inzwischen über zwanzig Jahre her.

    Wärmeflaschen, Kirschkernkissen, Wärmepflaster, Massagen, muskelentspannende Medikamente, Spritzen. Als mein Hausarzt mir mit 24 Jahren Morphium geben wollte, war für mich klar: So geht es nicht weiter. Ich ahnte, dass dieser Weg für mich nicht der richtige sein würde, und lehnte ab.

    Ich kam in ein Reha-Zentrum. Wegen guter Führung durfte ich sogar eine Woche länger bleiben als geplant. Dort lernte ich etwas, das mich bis heute begleitet: das gesunde Maß zwischen Anspannung und Entspannung.

    Ein langer Weg liegt inzwischen hinter mir. Jahr für Jahr wurden die Schmerzen weniger.

    Heute weiß ich, was ich damals noch nicht verstehen konnte.

    Ich habe einen starken Geist und eine lebendige Vorstellungskraft. Mein Körper reagiert zuverlässig auf meine Gedanken. Bin ich im Kopf konzentriert, geht mein Körper automatisch mit. Damit meine Muskeln und mein Skelett auch einmal Pause und Regeneration bekommen, muss ich ganz bewusst in die Schwere gehen. Von allein passiert das – zumindest bei mir – nicht.

    Vor kurzer Zeit durfte ich von einer beeindruckenden Frau eine einfache Übung kennenlernen, die sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Man muss dafür weder liegen noch sitzen.

    Gewicht an den Boden abgeben.

    Egal, ob ich gerade stehe oder gehe.

    Die Grundspannung in meinen Waden lässt nach. Meine Schultern sinken Richtung Boden. Ich spüre ganz bewusst den Untergrund unter meinen Fußsohlen. Mit jedem Schritt gebe ich ein wenig Gewicht ab. Wie eine Katze, die mit ihren Samtpfoten sanft in warmen Sand einsinkt.

    Der Boden trägt mich.

    Immer.

    Zuverlässig.

    Ich muss mich nicht auf der Erdoberfläche festklammern. Ich darf Gewicht abgeben.

    Ich spüre Vertrauen in die Erde.

    Ich bin geerdet.

    Ein tiefer Atemzug.

    Sorgen ausatmen.

    Ich werde vom Boden getragen.