Kategorie: Blick auf den Tag

Jeder Tag hält kleine Momente bereit, die uns stärken, berühren oder zum Nachdenken anregen können. Hier teile ich Gedanken, Erfahrungen und Inspirationen aus dem Alltag – vielleicht ist auch heute etwas dabei, das Dich begleitet.

  • Artgerechte Haltung

    Artgerechte Haltung

    Vor zwei Jahren bekam ich zum Geburtstag von einer lieben Freundin eine kleine Orchidee geschenkt. Sie blühte mit einigen kleinen, zarten Blüten, hatte drei Blätter und steckte in einem winzigen weißen Blumentopf.

    Für blühende Pflanzen habe ich nicht gerade den „grünen Daumen“, wollte mich aber voll und ganz um diese kleine Pflanze bemühen. Ich hatte in meinem Leben schon häufiger Orchideen geschenkt bekommen. Leider wurden diese bei mir nie besonders alt.

    Bei meiner kleinen aktuellen Orchidee fielen bald die Blüten ab und so stand recht lange ein kahler, vertrockneter Stängel empor. Ich wollte die Pflanze nicht verletzen, also ließ ich sie so, wie sie war. Irgendwann knickte der Stängel von alleine ab.

    Ein Jahr später blühte meine kleine Orchidee erneut. Diesmal wuchs der Stängel seitlich von den Blättern weg. Das sah etwas seltsam aus und lange blieben auch diese Blüten leider nicht. Nun stand wieder ein kahler Stiel lange Zeit seitlich von der Pflanze ab.

    Ich goss die Pflanze dennoch liebevoll und stellte sie an einen hellen Ort in die Küche. Ich hoffte wohl ein bisschen, durch meine Aufmerksamkeit alleine würde sie sich irgendwann gut entwickeln.

    Irgendwann beim Gießen dachte ich mir:

    Wenn die Orchidee in der Natur auf Bäumen wächst – wieso stecken wir sie dann überhaupt in einen Blumentopf?

    Ich holte sie heraus und bestaunte die vielen eng verwobenen Wurzeln. Schließlich stellte ich sie in ein rundes Glas mit Glassteinchen. Manche Orchideen wachsen schließlich sogar auf Steinen – vielleicht müsste es dann mit Glas auch funktionieren?

    Das Glas ist oben geöffnet und die Wurzeln bekommen Luft. Finde ich, dass sie etwas zu trocken aussehen, beträufele ich sie mit Wasser. Manchmal lege ich anschließend für kurze Zeit ein Buch auf das Glas. Innerhalb kürzester Zeit erhöht sich darin sichtbar die Luftfeuchtigkeit und Wasser kondensiert an der Glaswand.

    Ob das nun das perfekte Orchideenklima ist, weiß ich nicht.

    Aber die Orchidee schien etwas damit anfangen zu können.

    Innerhalb weniger Tage entdeckte ich neue kräftige Wurzeln und ein neues Blatt begann zu wachsen. Damit hat die Pflanze nun endlich vier Blätter.

    Heute fand ich: Wenn meine Orchidee schon nicht unbedingt in einem Blumentopf leben möchte, könnte sie statt auf Steinen vielleicht auch wieder ein kleines bisschen mehr auf einem Baum leben.

    Also holte ich das restliche feuchte Substrat zwischen ihren Wurzeln hervor und setzte die Orchidee auf einen Ast.

    Ich hoffe sehr, dass der Pflanze das gefällt und sie sich weiterentwickeln kann.

    Ich bin jedenfalls sehr stolz auf sie. Auch ohne Blüten.

  • Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Parodontitis. Igitt.

    Bakterien und entzündetes Zahnfleisch, Zahnfleischtaschen, zurückgehendes Zahnfleisch – und dann womöglich irgendwann freiliegende Zahnhälse. Besonders schön klang das für mich nicht.

    Die Diagnose bekam ich gemeinsam mit meinem damaligen Partner, als wir beide Mitte 20 waren. Mein Zahnarzt erklärte mir, dass die Zahnfleischtaschen ausgespült beziehungsweise behandelt werden sollten, und gab mir einen Termin – in ungefähr drei Wochen.

    Drei Wochen?

    So lange wollte ich auf gar keinen Fall einfach nur warten. Es ging schließlich um meine guten Zähne. Und der Gedanke, dass sich mein Zahnfleisch immer weiter zurückziehen könnte, gefiel mir überhaupt nicht.

    Also tat ich etwas, das ich schon damals gerne gemacht habe: Ich fing an zu lesen.

    Ich recherchierte in verschiedenen Foren und stieß beim Lesen medizinischer Zeitschriften immer wieder auf etwas, das ich vorher überhaupt nicht kannte:

    Ölziehen.

    Die Vorstellung faszinierte mich. Öl im Mund bewegen und immer wieder durch die Zahnzwischenräume ziehen – könnte das vielleicht meine Mundhygiene zusätzlich unterstützen und auch Stellen erreichen, an die ich sonst nur schwer herankam?

    Einen Versuch war es mir wert.

    Mein erster Versuch mit Kokosöl

    Kokosöl bekam ich ganz unkompliziert bei meinem Discounter.

    Was mich zunächst überraschte: Das Zeug war fest.

    Also nahm ich, wie ich es gelesen hatte, ungefähr einen Teelöffel davon in den Mund. Durch die Wärme wurde das Kokosöl schnell flüssig und ich begann zu spülen und es immer wieder durch die Zahnzwischenräume zu drücken.

    10 bis 15 Minuten sollte ich das machen.

    Keine Chance.

    Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, mein Mund wäre randvoll. Ich musste das Öl ausspucken und fragte mich ernsthaft, wie andere Menschen das minutenlang schaffen sollten.

    Aber ich wollte es zumindest bis zu meinem Zahnarzttermin weiter ausprobieren.

    Also nahm ich am nächsten Morgen weniger.

    Einen halben Teelöffel.

    Das funktionierte schon wesentlich besser.

    Als ich irgendwann zum ersten Mal ungefähr fünf Minuten geschafft hatte, staunte ich nicht schlecht über das Gefühl danach. Mein Mund fühlte sich für mich unglaublich sauber und frisch an.

    Ich mochte dieses Gefühl.

    Und aus fünf Minuten wurden nach und nach zehn.

    Und dann kam mein Zahnarzttermin

    Drei Wochen später saß ich wieder auf dem Behandlungsstuhl.

    Ich hatte mich innerlich längst darauf eingestellt, dass meine Zahnfleischtaschen nun wie angekündigt ausgespült beziehungsweise behandelt würden.

    Doch dann kam die Überraschung.

    Meine Zahnärztin schaute sich mein Zahnfleisch sehr gründlich an und meinte sinngemäß:

    „Hm … bei Ihnen ist es eigentlich gar nicht so schlimm. Da muss ich nichts machen.“

    Statt der erwarteten Behandlung sollte ich zur Kontrolle wiederkommen beziehungsweise mich melden, falls es wieder schlechter würde.

    Ich war natürlich begeistert.

    Bei meinem damaligen Partner musste die geplante Behandlung dagegen durchgeführt werden. Er empfand sie als ziemlich unangenehm und musste auch in den Tagen danach beim Essen noch aufpassen.

    Ob meine drei Wochen Ölziehen tatsächlich etwas mit meinem Befund beim zweiten Termin zu tun hatten, kann ich rückblickend natürlich nicht feststellen.

    Für mich war dieses Erlebnis aber der Anfang von etwas, das bis heute geblieben ist:

    mein morgendliches Ölziehen.

    Seit mehr als 15 Jahren

    Fast jeden Morgen nehme ich inzwischen einen ganzenTeelöffel Kokosöl und ziehe es ungefähr zehn Minuten durch meinen Mund und meine Zahnzwischenräume.

    Es gehört zu meinem Morgen wie andere kleine Routinen auch.

    Und ich mag dieses saubere Gefühl danach noch immer.

    Meine Zahnpflege ist ansonsten ziemlich unspektakulär: Morgens und abends Zähneputzen, Ölziehen am Morgen und Zahnseide – bei Letzterem könnte ich zugegebenermaßen regelmäßiger sein. Besonders dann denke ich daran, wenn sich beispielsweise Popcorn oder Mais hartnäckig zwischen meinen Zähnen versteckt hat.

    Über die Jahre begegneten mir immer wieder Menschen, bei denen Ölziehen ebenfalls längst zu ihrer Zahnpflegeroutine gehört. Einige erzählten mir ähnlich begeistert davon und auch davon, dass sie mit ihren Zähnen bei den Kontrollen sehr zufrieden seien.

    Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass mein Kokosöl für mich irgendwann etwas ganz Selbstverständliches geworden ist.

    Einmal im Jahr gehe ich zur zahnärztlichen Kontrolle. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass meine Zähne schön und gepflegt aussehen.

    Für mich funktioniert diese Routine seit vielen Jahren wunderbar.

    Was weiß man heute über Ölziehen?

    Als ich damals mit dem Ölziehen anfing, interessierte mich vor allem meine eigene Erfahrung. Heute finde ich es spannend, auch darauf zu schauen, was inzwischen wissenschaftlich untersucht wurde.

    Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Ölziehen die Zahl bestimmter Mundbakterien verringern kann. Die bisherige Studienlage ist allerdings noch begrenzt und ein eindeutiger Nutzen für Plaque oder Zahnfleischentzündungen ist nicht belegt.

    Für mich bleibt Ölziehen deshalb das, was es seit vielen Jahren ist:

    eine Ergänzung meiner Zahnpflege.

    Zähneputzen, Zahnzwischenraumpflege und regelmäßige Zahnarztbesuche gehören natürlich weiterhin dazu.

    Mein kleines Morgenritual

    Vielleicht ist es genau das, was ich am Ölziehen so gerne mag.

    Es kostet mich kaum etwas. Ich brauche keine komplizierte Ausstattung. Ich stehe morgens auf, nehme mein Kokosöl und kann während der zehn Minuten schon andere Dinge erledigen.

    Und irgendwann merke ich:

    Ach, meine zehn Minuten sind schon wieder vorbei.

    Dann spucke ich das Öl aus und beginne meinen Tag mit diesem wunderbar sauberen Mundgefühl, das ich inzwischen seit mehr als 15 Jahren kenne.

    Für mich habe ich damit etwas sehr Einfaches gefunden, das sich gut anfühlt und ganz selbstverständlich zu meiner persönlichen Zahnpflege gehört.

    Und manchmal sind es genau solche kleinen Dinge, die bleiben.

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Künstler

    Künstler

    Im Schulunterricht in Deutschland gibt es das Fach Kunst. Und das hat ebenso seine Berechtigung wie übrigens Sport.

    Um unser studiertes Fach auch in Zukunft mit Sicherheit unterrichten zu können, gab es an der Universität sogar ein eigenes Seminar dazu: Was ist Sport für eine Bereicherung für Kinder – und weshalb sollte dafür während der Schulzeit auch einmal Lesen, Schreiben oder Rechnen ausgesetzt werden?

    Wir büffelten Leitsätze, schauten uns die geschichtliche Entwicklung des Sportunterrichts in Deutschland an und waren ziemlich überrascht darüber, dass man überhaupt gegen das Fach Sport argumentieren konnte.

    Ob es den Kunststudenten für Lehramt ähnlich ging, weiß ich nicht.

    Zumindest war das in Mathe und Deutsch niemals die Frage. Beim Fach Englisch stellte ich sie mir selbst – und fand die Antwort irgendwann in der Biografie eines meiner Lieblingsmenschen – Man muss das schon auch wollen.

    Unterstützt in meiner Kreativität hat mich der Kunstunterricht auf jeden Fall. Ich bekam neue Techniken, Stilrichtungen und handwerkliche Fähigkeiten an die Hand.

    Kunst erkenne ich daran, dass sie etwas in mir auslöst.

    Am liebsten positive Emotionen. Überraschende Perspektiven. Die Harmonie, wenn etwas zusammenpasst. Spannend finde ich aber auch Gegensätze, die sich gegenseitig erst interessant machen.

    Und für Kreativität braucht man Mut, sich auszudrücken.

    Ich habe nicht den Anspruch, andere von meiner Kunst zu überzeugen. Aber ich möchte sie erklären können. Vielleicht kann ich einem anderen Menschen damit ein wenig näherbringen, was ich daran besonders gelungen finde und warum ich etwas genau so gemacht habe. Diese Erklärung kommt aber nur, wenn ich gefragt werden sollte.

    Kunst muss mich also berühren, wenn ich sie betrachte. Irgendwo im Innersten.

    Wenn ich selbst künstlerisch oder kreativ bin, geht es noch um etwas anderes. Dann gibt es eine Emotion, einen Gedanken oder ein Gefühl – und ich möchte versuchen, etwas davon sichtbar und vielleicht sogar für andere spürbar zu machen.

    Ich möchte etwas transportieren.

    Und dafür suche ich das Material, die Form oder die Technik, die mir dabei helfen kann.

    Die Kunst, die für mich wohl am präsentesten ist und am lautesten nach Aufmerksamkeit ruft, ist Graffiti.

    In meiner Umgebung ist es in den vergangenen zwanzig Jahren etwas seltener geworden. In der Rheinaue gibt es allerdings schon lange eine freie Graffiti-Wand, die sich immer wieder verändern darf. Jeder darf dort sprayen.

    Wenn ich beim Autofahren oder in Städten Graffiti entdecke, erstaunt mich häufig die Farbenvielfalt. Ich mag die scharfen Konturen, die Farbverläufe und die Art, wie Schicht für Schicht etwas entsteht. Besonders fasziniert mich das Spiel mit der Verformung von Buchstaben.

    Mein Lieblingsgraffiti?

    Na ja.

    Ich komme ursprünglich aus Bonn.

    INF.

    Natürlich.

    In Foren fragen Menschen immer wieder, was das denn nun bedeuten würde – und warum man nicht einfach etwas „Richtiges“ sprayen könne.

    Ich muss dann grinsen, beschließe, mich nicht einzumischen, und schließe das Forum wieder.

    Viele Graffiti habe ich im Kopf. Und ich freue mich jedes Mal, wenn mir wieder eines begegnet.

    Ausgerechnet ein technisch sehr spartanisch und ziemlich laienhaft ausgeführtes „Graffiti“ hat meine Gedanken und Gefühle aber bis heute in Bewegung gehalten.

    Es stand in großen schwarzen und roten, krakeligen Buchstaben auf einer riesigen Betonschräge unter einer Brücke:

    „The only good nation is the imagiNation.“

    Wer weiß, wofür INF steht, hat das Glück, es zu wissen.

    Und wer nicht weiß, wofür INF steht, hat das Glück, seine Imagination spielen zu lassen.

  • Erleben

    Erleben

    Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und sich später ganz unterschiedlich an sie erinnern.

    Fragt die Polizei nach einem Verkehrsunfall verschiedene Zeugen, kann es sein, dass zwei Menschen etwas vollkommen Unterschiedliches berichten. Der eine erinnert sich an ein rotes, der andere an ein blaues Auto, das den Unfallort verlassen hat. In einem Punkt stimmen beide jedoch überein: Das Auto fuhr schnell davon. Vielleicht beschreiben beide es sogar als hektisch oder fluchtartig.

    Was genau geschehen ist und wie wir etwas erlebt haben, muss also nicht dasselbe sein.

    Manche Einzelheiten scheinen zu verblassen oder verändern sich in unserer Erinnerung. Anderes bleibt erstaunlich deutlich. Vielleicht kann sich das Wie eines Augenblicks tiefer einprägen als ein Detail, das für uns in diesem Moment keine besondere Bedeutung hatte.

    Erleben ist subjektiv.

    Als Kind begegnete mir René Magrittes berühmtes Bild einer Pfeife mit den Worten:

    „Ceci n’est pas une pipe.“ – Dies ist keine Pfeife.

    Doch, dachte ich. Natürlich ist das eine Pfeife. Ich sehe sie doch.

    Erst später verstand ich: Es war tatsächlich keine Pfeife. Ich hätte sie weder stopfen noch mit ihr rauchen können. Vor mir befand sich das Bild einer Pfeife.

    Und trotzdem hatte ich eine Pfeife erkannt.

    Meine Wahrnehmung hatte mich nicht belogen. Sie hatte etwas erkannt, eingeordnet und gedeutet.

    Unser Erleben ist ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen. Und es unterliegt vielen Einflüssen.

    Ich kenne zum Beispiel das Gefühl, das entsteht, wenn ich einen ganz bestimmten Duft rieche.

    Ich könnte diesen Duft niemals wirklich beschreiben. Dafür ist er viel zu flüchtig. Und noch bevor ich versuchen könnte, einzelne Duftnoten zu erkennen, ist da längst etwas anderes:

    Glück und Geborgenheit.

    Ich weiß nicht mehr, was es ursprünglich einmal für ein Duft war. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn zum ersten Mal gerochen habe oder in welcher Situation. Vielleicht wusste ich es irgendwann einmal.

    Was geblieben ist, ist das Gefühl.

    Gefühle verknüpfen sich im Laufe unseres Lebens mit Erfahrungen und Erinnerungen. Neue Erlebnisse kommen hinzu, alte verblassen, manches verbindet sich miteinander.

    Und manchmal bleibt etwas, obwohl Zeit, Ort und Anlass längst unscharf geworden sind.

    Vielleicht muss ich später nicht mehr wissen, ob dort wirklich ein Bild hing, wer es aufgehängt hat oder was dazu gesagt wurde.

    Wenn etwas ein Gefühl in mir hinterlassen hat, dann ist dieses Gefühl heute da.

    Ich darf ihm glauben – als meinem Gefühl.

    Es beweist mir nicht jedes Detail der Vergangenheit. Es sagt mir nicht zweifelsfrei, was wann, wo und wie geschehen ist.

    Das muss es auch gar nicht.

    Es erzählt mir, wie etwas in mir weiterlebt.

    Vielleicht ist meine Realität deshalb gar nicht so zerbrechlich, wie sie manchmal erscheint.

    Ich darf wissen, was ich weiß.
    Ich darf fühlen, was ich fühle.
    Ich darf mich erinnern, woran ich mich erinnere.

    Und bei dem, was ich nicht mehr sicher weiß, darf ich sagen:

    Ich weiß es nicht.

    Das eine nimmt dem anderen nichts.

    Und ich muss nicht anfangen, jede Erinnerung auseinanderzunehmen, nur um herauszufinden, welcher Teil davon ganz sicher war.

    Nicht alles muss aufgeklärt werden. Nicht jede Lücke muss geschlossen werden. Nicht jede Unsicherheit braucht eine Antwort.

    Manchmal darf eine Erinnerung unvollständig bleiben.

    Ich muss sie nicht wieder und wieder betrachten, überprüfen und neu zusammensetzen, bis ich glaube, endlich Gewissheit gefunden zu haben.

    Denn vielleicht gibt es diese Gewissheit gar nicht mehr.

    Und auch das darf sein.

    Ich muss nicht jede Erinnerung verstehen, um meinem Erleben vertrauen zu dürfen.

    Ich muss mich nicht zwischen absoluter Gewissheit und vollständigem Zweifel an mir selbst entscheiden.

    Vielleicht bedeutet dem eigenen Erleben zu vertrauen nicht, jede Erinnerung für unumstößlich zu halten.

    Vielleicht bedeutet es, unterscheiden zu dürfen.

    Zwischen dem, was ich weiß.
    Dem, was ich erinnere.
    Dem, was ich daraus deute.
    Und dem, was ich fühle.

    Ohne daraus eine neue Aufgabe zu machen.

    Ich darf hinschauen, wenn mir das Hinschauen etwas gibt.

    Und ich darf einen Gedanken auch wieder ziehen lassen.

    All das gehört zu meinem Erleben.

  • Entspannende Tätigkeiten

    Entspannende Tätigkeiten

    Ich habe viele Dinge, die mich entspannen. Und viele Tätigkeiten, die mir Freude bereiten, obwohl sie nicht wirklich produktiv oder effizient sind.

    Einige davon sind kognitiv anfordernd, wie Rätsellösen oder Kochen, andere sind kognitiv immens entlastend.

    Diamond Painting ist für mich so eine Tätigkeit, bei der ich mich kognitiv nicht gefordert fühle.

    Die immergleiche Bewegung der Hand geht nach einer Zeit vollkommen automatisch.

    Ich kann, obwohl ich mich mit einer Tätigkeit im Außen beschäftige, mich voll und ganz mir selbst widmen.

    Ich stelle die Beine locker nebeneinander, die Füße flach auf den Boden. Meine Schultern sind entspannt und hängen locker. Ich achte auf einen ziemlich geraden und stabilen Oberkörper mit leichter Grundspannung.

    Diamond Painting mache ich in einem hellen, freundlichen Raum mit großen Fenstern zur Natur hinaus. Ich mache mir wunderschöne Hintergrundmusik an, die ruhig und gleichmäßig klingt.

    So vertieft hänge ich meinen Gedanken nach – nur ein Stück weit.

    Ich versuche, nicht zu bewerten, sondern andere Perspektiven einzunehmen, um mich im nächsten Moment wieder vollkommen meiner Tätigkeit zuzuwenden: dem Diamond Painting mit seinen Tausenden von Miniatursteinchen.

    Wenn man alles bis hierhin getan hat, alles auf den Weg gebracht hat und entweder nur wartet oder nicht mehr warten muss, dann lohnt sich für mich genau diese Tätigkeit.

    Es muss nichts dabei rauskommen,
    außer, dass es mir jetzt in diesem Moment unglaublich gut geht.

  • Sein

    Sein

    Was wir im Alter lernen, lernen wir von den Kindern, weil wir es durch Erwachsene, als wir noch Kinder waren, verloren haben.

    Ich finde das gar nicht abwegig. Erstens, weil ich es selbst so erlebt habe, und zweitens, weil nicht jeder Erwachsene Kinder erst zurechtbiegen muss, bevor diese selbst erwachsen werden. Erwachsenwerden ist nämlich ganz einfach.

    Warum wollen Kinder erwachsen werden?

    Ich habe gesehen, wie meine Oma Einkaufszettel schrieb. Sie hatte die unendliche Macht anzugeben, welches Mittagessen wir an welchem Tag aßen – und welchen Nachtisch es dazu gab.

    Meine Eltern machten sich für die Arbeit fertig. Ganz schick. Also musste Arbeitengehen etwas sehr Wichtiges und auch Schönes sein. Schickmachen kannte ich von Familienfeiern und Feiertagen. Das konnte nur etwas Gutes bedeuten.

    Meine älteren Geschwister bekamen irgendwann ihr eigenes verdientes Geld. Sie zeigten mir stolz ihre ersten selbstgekauften Baggyhosen, Pullover und luden mich zu einer großen Portion Eis ein.

    Dass man tut, was Mama und Papa sagen, war ja klar. Also Eltern werden musste auch prima sein.

    Alles in allem wurde einem vermittelt: Erwachsen werden ist mega toll. Mach das!

    So wurde ich groß.

    Als ich endlich Verantwortung übernehmen durfte, wollte ich das unbedingt.

    Ich tat viele Dinge auf meine Weise.

    Denn ich hatte das große Glück, nicht Erwachsene zu haben, die ständig sagten: „Du musst aber dies und jenes“ oder „Es wäre besser, wenn Du erst …“. Denn die Anforderungen, die ich an mich stellte, waren die, die man ohnehin zum Erwachsenwerden benötigte.

    Und die kommen auch, ohne dass ein Erwachsener schon im Kindergartenalter anfängt zu sagen: „Uh, Schule. Da beginnt der Ernst des Lebens.“

    Denn den Ernst kenne ich sehr gut. Der begegnet mir immer dann, wenn ich an Erwachsene denke oder mit welchen zu tun habe, die wollen oder wollten, dass ich erwachsen bin – entweder als ich noch ein Kind und dazu außerstande war oder als ich definitiv schon erwachsen war und mir das keiner mehr sagen musste.

    Denn ich und Du – sind ja einfach nur Ich und Du.

    Und vielleicht können wir genau das wieder ein bisschen von Kindern lernen.

    Ein Kind kann minutenlang einen Käfer beobachten, durch Gras streichen oder einfach irgendwo liegen – und braucht dafür keinen Grund. Es muss anschließend nicht erklären, was ihm diese Zeit gebracht hat.

    Es ist nicht faul und es „verschwendet“ keine Zeit.

    Es ist einfach da.

    Einer meiner Lieblingsmenschen sagte vor ein paar Wochen zu mir:

    „Faul sein. Das gibt es gar nicht. Das haben sich nur andere ausgedacht, um einem ein schlechtes Gefühl zu geben.“

    Ich musste darüber nachdenken.

    Denn wie oft bewerten wir einen Moment danach, was wir darin geschafft haben? Wie sinnvoll wir ihn genutzt haben? Ob wir produktiv waren?

    Dabei gibt es Momente, in denen es nichts zu erreichen gibt.

    Man darf einen Käfer einfach anschauen.
    Man darf im Gras liegen.
    Man darf die Sonne spüren.
    Man darf nichts vorhaben.

    Vielleicht ist das gar kein Nichtstun.

    Vielleicht ist das einfach Sein.

  • Putztag

    Putztag

    Einmal in der Woche ist Großputz angesagt.

    Dann ist es Zeit für Böden wischen, Teppiche ausklopfen und Staubwischen.

    Spätestens, wenn mich zum dritten Mal auf meinem Parkett ein Wollhaarknäuel der Katzen beim Laufen überholt, wird es Zeit für den Großputz.

    Über drei Etagen, über 100 Quadratmeter, durch sieben Zimmer und drei Badezimmer. Reichlich Platz für Staub, der sich bei uns ablagern möchte.

    Bei mir muss nicht alles so ordentlich sein, dass man immer alles direkt wegräumen muss. Die kreativen Flächen – Sofa, Schreibtisch, Basteltisch, Nähzimmer – dürfen auch zeigen, dass sie aktuell ein Projekt beherbergen.

    Aber klinisch rein mögen wir es schon.

    Also wird viel Wasser benutzt und sinnvoll von oben nach unten gearbeitet. Fenster und Türen werden weit geöffnet, um dem Staub den Weg nach draußen zu zeigen. Kissen und Decken werden entweder gewaschen oder draußen ausgeklopft.

    Alle Oberflächen werden gewischt: Türrahmen, Bilderrahmen, Regale, Lampen.

    Die Ecken der Treppen werden ausgewischt. Ich klettere auf Stühle, um auf den Schränken zu wischen.

    Putze ich alleine, läuft schöne Musik dabei. Und putzen wir gemeinsam, dann sind wir wie ein kleiner blitzblanker Tornado im Haus.

    Nach spätestens drei Stunden glänzt das Haus – und wir müssen duschen.

    Es gibt kaum ein entspannteres Gefühl, das man sich so bequem jede Woche selbst geben kann: frisch geduscht in einer sauberen Umgebung auf dem Sofa liegen.

  • Tautreten – meine kleine Kneipp-Tour am Morgen

    Tautreten – meine kleine Kneipp-Tour am Morgen

    Im Urlaub und zu Hause.

    Ich höre noch meine Mutter fröhlich rufen:
    „Jaha, die gute Kneipp-Tour. Jetzt machen wir Tautreten.“

    Direkt nach dem Aufstehen, mit noch warmen Füßen auf die feuchte, kühle Wiese hinaustreten.

    Als Kind war das eine kleine Mutprobe. Es war ein wenig wild, ein bisschen anders, irgendwie alternativ. Die Kälte ließ mich aufhüpfen und möglichst schnell durch das nasse Gras laufen.

    „Dann hat man den ganzen Tag warme Füße“, schwärmte meine Mutter und reichte mir anschließend warme Socken.

    Heute verstehe ich viel mehr von dem, was ich damals noch nicht begriff – und auch gar nicht begreifen musste.

    Tautreten gehört zu den traditionellen Kneipp-Anwendungen. Der kurze Kältereiz an den warmen Füßen regt die Durchblutung an und setzt einen Reiz für den Kreislauf und das vegetative Nervensystem. Auf den kurzen Kältereiz folgt die Wiedererwärmung – auf Anspannung wieder Entspannung.

    Wenn ich heute auf meiner Wiese Tautrete, dann weniger ausgelassen als damals als Kind.

    Bedachte, langsame Schritte wähle ich. Die Kühle lässt mich nicht mehr so aufhüpfen wie damals.

    Der Himmel ist noch etwas verwaschen von der Nacht, die Sonne hinter den Häusern noch nicht zu sehen. Unsere Amsel hüpft schon emsig über die Wiese und lässt sich von mir nicht stören.

    Die macht jeden Tag ihr Tautreten.

    Ich drehe ein paar Runden im Garten, schaue mir ungezwungen und unaufgeregt dies und jenes an. Das Gras kitzelt ganz sanft meine Füße und kühlt sie.

    An der Terrassentür sammle ich die Grashalme zwischen den Zehen und gehe wieder ins Haus.

    Warme Socken sind für mich im Sommer anschließend kein Muss.

    So darf der Tag beginnen. Geerdet, geklärt – und mit warmen Füßen.

  • Resümee

    Resümee

    Ganz spontan kam mir der Gedanke nicht.

    Er war seit Jahren immer mal wieder da. Etwas wehmütig, etwas fragend, wieso – aber nicht vorwurfsvoll in irgendeine Richtung.

    Man hat regelmäßig mit einem lieben Menschen Kontakt. Trifft sich, schreibt Nachrichten hin und her und ist eben einfach im Kontakt.

    Keiner kann es nachher so richtig rekonstruieren, aber irgendwann fällt einem auf: Wo ist eigentlich mein Freund, mein Kumpel, die Person, mit der ich so viele gute Gespräche hatte? Mit der es so gut tat, sich zu treffen?

    Ich denke all die Jahre immer mal wieder an diese Person. An das, was ich noch weiß. Wo sie damals stand. Und stelle mir vor, wie wunderbar ihr Leben wahrscheinlich laufen wird.

    „Hey. Ich hier. Würde mich freuen, wenn Du Dich mal meldest. Hier meine Nummer.“

    Schreibe ich spontan auf einem Parkplatz irgendwo auf einen Zettel, falte ihn einmal in der Mitte und werfe ihn in den Briefkasten, von dem ich weiß: Der gehörte vor Jahren noch diesem Menschen. Der Name steht auch noch an der Tür.

    Ein kleines Kribbeln läuft mir durch den Bauch.

    Das könnte gut werden, denke ich mir und setze meinen Weg fort.

    Ein paar Tage später erscheint auf meinem Handy eine Nachricht.

    „Hey. Ich hier. Habe Deine Nachricht erhalten. Wohne dort nicht mehr. Wir könnten einen Kaffee trinken.“

    Yeay. Freude.

    Wir treffen uns nachmittags zum Kaffee. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Wie kam es überhaupt dazu, dass der Kontakt einschlief?

    Ungeklärte Fragen. Eine genaue Rekonstruktion schaffen wir nicht. Ist aber auch gar nicht von Bedeutung.

    Wow, was alles passiert ist in dieser Zeit.

    Ich führe aus, der Freund führt aus. Wir sind auf dem neuesten Stand. Auf und Abs in den letzten Jahren. Wir ziehen ein Resümee, befinden vieles für besser, einiges für schlechter.

    Aber die Werte stimmen immer noch: Zuversicht, Gesundheit, Karriere, innere Balance, stabilisiert durch Selbstliebe.

    Und immer wieder reflektieren wir. Wie einfach es hier ist, mal von sich wegzutreten. Die letzten Jahre etwas anders zu sehen, gemeinsam mal einzuordnen.

    Wir haben uns sofort, in den ersten paar Sekunden, wiedergefunden.

    Unangestrengt und sicher. Der andere versteht uns. Und wenn nicht, dann fragen wir eben nochmal nach.

    Einfach, ungezwungen, ein wenig wissend und immer neugierig.

    Vielleicht ist es ein bisschen wie mit einer Blüte, die jedes Jahr neu erscheint. Eine Zeit lang ist sie ganz verschwunden. Nicht vergessen – nur nicht da. Und wenn sie wiederkommt, kennt man sie sofort. Vertraut. Gleich und doch ein wenig anders.

    Ob wir uns wieder aus den Augen verlieren?

    Kann schon sein.

    Aus dem Herzen jedenfalls nicht.

    16 Jahre – auch wenn die Phasen mal länger sind, in denen man sich nicht sieht.

    Es tut gut, zu wissen, dass etwas bleibt.