Schlagwort: Vertrauen

  • Der sichere Hafen

    Der sichere Hafen

    „Hier wird immer Dein Zuhause sein.“

    Was für ein gutes, beruhigendes Gefühl.

    Meine Eltern sind großartig. Sie haben alles, was Eltern haben müssen.

    Sie strahlen Ruhe und Zuversicht aus. Sie sind immer für mich zu erreichen. Sie haben zu all meinen Themen eine Meinung und stehen immer zu und hinter mir.

    Ich kann mit ihnen über erfreuliche, schwere und komplizierte Themen sprechen.

    Das Grundgefühl ist: „Wir stehen immer zusammen.“

    Bei meinen Eltern sind das nicht bloß Floskeln. Sie meinen es so, wie sie es sagen, und leben auch danach.

    Sie nehmen trotz ihrer Gutmütigkeit und Großherzigkeit nicht alles so hin, wie man es ihnen gibt. Sie haben Lösungen für meine Probleme. Sie können aber auch einfach nur zuhören und mit mir emotional und gedanklich mitgehen. Sie haben Anregungen und Ideen, wie etwas laufen könnte, ohne mit mir darin übereinstimmen zu müssen. Sie zeigen alternative Wege auf, ohne Druck.

    Meine Eltern haben ihre eigenen Leben. Sie haben vielfältige Interessen, denen sie nachgehen. Sie fangen immer wieder Projekte an, an denen sie arbeiten. Sie haben ein breites Wissen, das sie auch immer gerne teilen.

    Meine Eltern können sehr motivierend für mich sein. Sie bauen mich auf und glauben immer an mich. Sie wissen nicht alles über mich und ich nicht alles über sie. Aber sie kennen mein Innerstes. Meine Art. Meine Werte.

    Meine Eltern sind nicht perfekt. Bei weitem nicht. Wären sie das, so hätte ich nicht so viel bei ihnen gelernt. Was sie auf jeden Fall sind:

    Sie sind bedingungslos liebend.

    Und dafür könnte ich dankbarer nicht sein.

  • Erleben

    Erleben

    Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und sich später ganz unterschiedlich an sie erinnern.

    Fragt die Polizei nach einem Verkehrsunfall verschiedene Zeugen, kann es sein, dass zwei Menschen etwas vollkommen Unterschiedliches berichten. Der eine erinnert sich an ein rotes, der andere an ein blaues Auto, das den Unfallort verlassen hat. In einem Punkt stimmen beide jedoch überein: Das Auto fuhr schnell davon. Vielleicht beschreiben beide es sogar als hektisch oder fluchtartig.

    Was genau geschehen ist und wie wir etwas erlebt haben, muss also nicht dasselbe sein.

    Manche Einzelheiten scheinen zu verblassen oder verändern sich in unserer Erinnerung. Anderes bleibt erstaunlich deutlich. Vielleicht kann sich das Wie eines Augenblicks tiefer einprägen als ein Detail, das für uns in diesem Moment keine besondere Bedeutung hatte.

    Erleben ist subjektiv.

    Als Kind begegnete mir René Magrittes berühmtes Bild einer Pfeife mit den Worten:

    „Ceci n’est pas une pipe.“ – Dies ist keine Pfeife.

    Doch, dachte ich. Natürlich ist das eine Pfeife. Ich sehe sie doch.

    Erst später verstand ich: Es war tatsächlich keine Pfeife. Ich hätte sie weder stopfen noch mit ihr rauchen können. Vor mir befand sich das Bild einer Pfeife.

    Und trotzdem hatte ich eine Pfeife erkannt.

    Meine Wahrnehmung hatte mich nicht belogen. Sie hatte etwas erkannt, eingeordnet und gedeutet.

    Unser Erleben ist ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen. Und es unterliegt vielen Einflüssen.

    Ich kenne zum Beispiel das Gefühl, das entsteht, wenn ich einen ganz bestimmten Duft rieche.

    Ich könnte diesen Duft niemals wirklich beschreiben. Dafür ist er viel zu flüchtig. Und noch bevor ich versuchen könnte, einzelne Duftnoten zu erkennen, ist da längst etwas anderes:

    Glück und Geborgenheit.

    Ich weiß nicht mehr, was es ursprünglich einmal für ein Duft war. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn zum ersten Mal gerochen habe oder in welcher Situation. Vielleicht wusste ich es irgendwann einmal.

    Was geblieben ist, ist das Gefühl.

    Gefühle verknüpfen sich im Laufe unseres Lebens mit Erfahrungen und Erinnerungen. Neue Erlebnisse kommen hinzu, alte verblassen, manches verbindet sich miteinander.

    Und manchmal bleibt etwas, obwohl Zeit, Ort und Anlass längst unscharf geworden sind.

    Vielleicht muss ich später nicht mehr wissen, ob dort wirklich ein Bild hing, wer es aufgehängt hat oder was dazu gesagt wurde.

    Wenn etwas ein Gefühl in mir hinterlassen hat, dann ist dieses Gefühl heute da.

    Ich darf ihm glauben – als meinem Gefühl.

    Es beweist mir nicht jedes Detail der Vergangenheit. Es sagt mir nicht zweifelsfrei, was wann, wo und wie geschehen ist.

    Das muss es auch gar nicht.

    Es erzählt mir, wie etwas in mir weiterlebt.

    Vielleicht ist meine Realität deshalb gar nicht so zerbrechlich, wie sie manchmal erscheint.

    Ich darf wissen, was ich weiß.
    Ich darf fühlen, was ich fühle.
    Ich darf mich erinnern, woran ich mich erinnere.

    Und bei dem, was ich nicht mehr sicher weiß, darf ich sagen:

    Ich weiß es nicht.

    Das eine nimmt dem anderen nichts.

    Und ich muss nicht anfangen, jede Erinnerung auseinanderzunehmen, nur um herauszufinden, welcher Teil davon ganz sicher war.

    Nicht alles muss aufgeklärt werden. Nicht jede Lücke muss geschlossen werden. Nicht jede Unsicherheit braucht eine Antwort.

    Manchmal darf eine Erinnerung unvollständig bleiben.

    Ich muss sie nicht wieder und wieder betrachten, überprüfen und neu zusammensetzen, bis ich glaube, endlich Gewissheit gefunden zu haben.

    Denn vielleicht gibt es diese Gewissheit gar nicht mehr.

    Und auch das darf sein.

    Ich muss nicht jede Erinnerung verstehen, um meinem Erleben vertrauen zu dürfen.

    Ich muss mich nicht zwischen absoluter Gewissheit und vollständigem Zweifel an mir selbst entscheiden.

    Vielleicht bedeutet dem eigenen Erleben zu vertrauen nicht, jede Erinnerung für unumstößlich zu halten.

    Vielleicht bedeutet es, unterscheiden zu dürfen.

    Zwischen dem, was ich weiß.
    Dem, was ich erinnere.
    Dem, was ich daraus deute.
    Und dem, was ich fühle.

    Ohne daraus eine neue Aufgabe zu machen.

    Ich darf hinschauen, wenn mir das Hinschauen etwas gibt.

    Und ich darf einen Gedanken auch wieder ziehen lassen.

    All das gehört zu meinem Erleben.

  • Resümee

    Resümee

    Ganz spontan kam mir der Gedanke nicht.

    Er war seit Jahren immer mal wieder da. Etwas wehmütig, etwas fragend, wieso – aber nicht vorwurfsvoll in irgendeine Richtung.

    Man hat regelmäßig mit einem lieben Menschen Kontakt. Trifft sich, schreibt Nachrichten hin und her und ist eben einfach im Kontakt.

    Keiner kann es nachher so richtig rekonstruieren, aber irgendwann fällt einem auf: Wo ist eigentlich mein Freund, mein Kumpel, die Person, mit der ich so viele gute Gespräche hatte? Mit der es so gut tat, sich zu treffen?

    Ich denke all die Jahre immer mal wieder an diese Person. An das, was ich noch weiß. Wo sie damals stand. Und stelle mir vor, wie wunderbar ihr Leben wahrscheinlich laufen wird.

    „Hey. Ich hier. Würde mich freuen, wenn Du Dich mal meldest. Hier meine Nummer.“

    Schreibe ich spontan auf einem Parkplatz irgendwo auf einen Zettel, falte ihn einmal in der Mitte und werfe ihn in den Briefkasten, von dem ich weiß: Der gehörte vor Jahren noch diesem Menschen. Der Name steht auch noch an der Tür.

    Ein kleines Kribbeln läuft mir durch den Bauch.

    Das könnte gut werden, denke ich mir und setze meinen Weg fort.

    Ein paar Tage später erscheint auf meinem Handy eine Nachricht.

    „Hey. Ich hier. Habe Deine Nachricht erhalten. Wohne dort nicht mehr. Wir könnten einen Kaffee trinken.“

    Yeay. Freude.

    Wir treffen uns nachmittags zum Kaffee. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Wie kam es überhaupt dazu, dass der Kontakt einschlief?

    Ungeklärte Fragen. Eine genaue Rekonstruktion schaffen wir nicht. Ist aber auch gar nicht von Bedeutung.

    Wow, was alles passiert ist in dieser Zeit.

    Ich führe aus, der Freund führt aus. Wir sind auf dem neuesten Stand. Auf und Abs in den letzten Jahren. Wir ziehen ein Resümee, befinden vieles für besser, einiges für schlechter.

    Aber die Werte stimmen immer noch: Zuversicht, Gesundheit, Karriere, innere Balance, stabilisiert durch Selbstliebe.

    Und immer wieder reflektieren wir. Wie einfach es hier ist, mal von sich wegzutreten. Die letzten Jahre etwas anders zu sehen, gemeinsam mal einzuordnen.

    Wir haben uns sofort, in den ersten paar Sekunden, wiedergefunden.

    Unangestrengt und sicher. Der andere versteht uns. Und wenn nicht, dann fragen wir eben nochmal nach.

    Einfach, ungezwungen, ein wenig wissend und immer neugierig.

    Vielleicht ist es ein bisschen wie mit einer Blüte, die jedes Jahr neu erscheint. Eine Zeit lang ist sie ganz verschwunden. Nicht vergessen – nur nicht da. Und wenn sie wiederkommt, kennt man sie sofort. Vertraut. Gleich und doch ein wenig anders.

    Ob wir uns wieder aus den Augen verlieren?

    Kann schon sein.

    Aus dem Herzen jedenfalls nicht.

    16 Jahre – auch wenn die Phasen mal länger sind, in denen man sich nicht sieht.

    Es tut gut, zu wissen, dass etwas bleibt.

  • Liebe lässt frei

    Liebe lässt frei

    Im Winter 2022 stolperte ich über einen Spruch:

    „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“

    Wenn ich mir meine Katzen anschaue, denke ich: Ja, irgendwie stimmt das.

    Ich bin gut und lieb zu ihnen, kraule sie und finde, ich verehre sie durchaus adäquat. Katzenklo, Kratzbäume, feines Essen und frisches Trinken. Sie haben alles, was so eine Katze benötigt.

    Obwohl meine zwei Damen drei Jahre beim Vorbesitzer richtige Indoor-Katzen waren, kann ich sie heute in den Garten lassen. Sie könnten gehen. Tun sie aber nicht.

    Natürlich stehen sie auch in einer gewissen Abhängigkeit zu uns. Sie werden von uns versorgt. Aber da ist noch etwas anderes: Pflege, Hege und die grenzenlose Zuneigung, die wir drei Menschen diesen lieben Katzen entgegenbringen.

    Bei einer Liebesbeziehung ist es anders. Unsere Katzen suchen wir uns meistens aus – zwei Menschen entscheiden sich gegenseitig füreinander.

    Und vielleicht beginnt genau da etwas, worüber ich bei diesem Spruch immer wieder nachdenken muss.

    Was bedeutet es eigentlich, einen Menschen zu lieben?

    Wenn ich an meinen Liebes-Menschen denke, kommen mir sofort positive Beschreibungen über ihn in den Sinn. Über sein Aussehen, sein Verhalten mir gegenüber, seine Art und Weise, Dinge anzugehen, seinen Respekt vor mir.

    Und darüber, wie ich mich bei ihm fühle.

    Sicher und geborgen.

    Ich freue mich auf diesen Menschen. Und ich weiß: Egal, wie es mir geht, ich muss mich nicht verbiegen. Ich könnte es versuchen – aber wahrscheinlich würde er es ohnehin merken und mir wieder Halt geben. Bewusst oder unbewusst.

    Eine freiwillige Abhängigkeit?

    Nein. Vielleicht möchte ich Abhängigkeit lieber wieder durch Pflege und Hege ersetzen.

    Denn genau da liegt für mich die wichtige Botschaft dieses Spruchs.

    Wenn ich einen anderen Menschen von mir abhängig mache, mich selbst abhängig mache, Forderungen an meine Liebe knüpfe oder ständig Liebe einfordere, ohne auf die Bedürfnisse des anderen zu schauen, entsteht Druck.

    Und Druck fühlt sich nicht nach Freiheit an.

    Wo dagegen Vertrauen ist, darf sich jeder entwickeln. Jeder darf auch für sich selbst ein ganzer Mensch bleiben.

    Ich vertraue meinem Liebes-Menschen und lasse ihm seine Freiheiten, seine Hobbys und seine Eigenheiten. Er darf Dinge erleben, die nichts mit mir zu tun haben. Eigene Gedanken haben. Eigene Interessen. Eigene Zeit.

    Und dann kommt er wieder.

    Nicht, weil er muss.

    Sondern weil zwischen uns etwas entstanden ist, zu dem er zurückkehren möchte.

    Vielleicht bedeutet „freilassen“ deshalb gar nicht, jemanden gehen zu lassen.

    Vielleicht bedeutet es, einen Menschen nicht festhalten zu müssen.

    Vertrauen und Liebe – ich lasse frei.

  • Kleine Erfolge feiern

    Kleine Erfolge feiern

    Ich möchte Erfolge würdigen.

    Nicht, um das große Ziel aus den Augen zu verlieren, sondern weil jeder einzelne Schritt bereits Teil des Weges ist.

    Oft höre ich den Satz: „Feiere kleine Erfolge, aber verliere das Ziel nicht aus den Augen.“ Er klingt zunächst sinnvoll. Und doch frage ich mich, ob der zweite Teil nicht manchmal die Freude über den gerade erreichten Schritt wieder etwas kleiner macht.

    Wenn wir einen Erfolg erleben, dürfen wir ihn doch einfach genießen.

    Vielleicht fühlen wir uns danach ein wenig mutiger. Ein wenig stabiler. Ein wenig reflektierter. Vielleicht entdecken wir Fähigkeiten in uns, die wir vorher gar nicht gesehen haben.

    Das große Ganze – meine Träume, meine Werte oder das, worauf es mir im Leben wirklich ankommt – trage ich ohnehin in mir. Genau deshalb bewege ich mich ja Schritt für Schritt darauf zu.

    Jede Etappe macht den neuen Zustand ein Stück vertrauter.

    Heute Morgen zog es mich in den Wald.

    Ich suchte Bewegung und gleichzeitig Entspannung.

    Dort wird mir immer wieder bewusst, dass der Wald etwas viel Größeres ist als ich selbst. Ich nehme seine Vielfalt wahr, seine Kraft und seine Ruhe. Alles scheint seinen Platz zu haben. Alles wirkt im Gleichgewicht.

    Ich lasse mich von den Gerüchen tragen, beobachte das wechselnde Licht zwischen den Bäumen und die vielen Grüntöne des Waldes.

    Zwei Rehkitze nehmen mich kaum wahr. Und ich sie ebenso wenig.

    Während dieser Zeit im Wald entsteht etwas Besonderes.

    Innerer Frieden.

    Vertrauen.

    Glücksgefühl.

    Dieser Moment vergeht.

    Doch er hinterlässt etwas in mir.

    Vielleicht genau deshalb suche ich solche Momente immer wieder bewusst auf.

    Denn jeder einzelne von ihnen macht den Menschen, der ich sein möchte, ein kleines Stück stärker.