Schlagwort: Vergänglichkeit

  • Heilsame Gedanken

    Heilsame Gedanken

    Angestoßen durch „Grundgedanken des Buddhismus“ von Verena Reichle

    In meiner bis hierhin größten Lebenskrise – das Leben hält bestimmt noch die eine oder andere Prüfung für mich bereit – entdeckte ich im Winter 2025 in einem Bücherschrank einige Bücher über Buddhismus.

    Mein gelernter Glaube half mir damals nicht weiter. Und, wenn ich ehrlich bin, tut er das auch heute nur bedingt.

    Nicht dabei, Dinge anzunehmen. Nicht dabei, Lösungen zu finden. Nicht dabei, glücklich zu sein.

    Vielleicht weiß ich auch einfach zu wenig über meine eigene Konfession. Für mich war mein Glaube immer vor allem menschliche Gemeinschaft, Zuversicht und Demut.

    Der Buddhismus hingegen – besonders seine Denk- und Seinsweise – war mir schon hier und da begegnet. In Dokumentationen, während meiner Schulzeit, in einzelnen Gedanken und Lehrsätzen. Mein Vater hatte mir das Meditieren erklärt.

    Aber wirklich beschäftigt hatte ich mich damit nie.

    Bis ich das Buch von Verena Reichle über die Grundgedanken des Buddhismus las.

    Und ziemlich zu Anfang passierte etwas, das mir gefiel:

    Ich sollte erst einmal einiges von dem vergessen, was ich glaubte, über Buddhismus zu wissen.

    Die Autorin räumt mit Missverständnissen auf und stellt einige verbreitete Vorstellungen richtig.

    Dabei begann mich eine Frage zu beschäftigen: Was passiert eigentlich mit einem Wertesystem, wenn es über sehr lange Zeit von Menschen gelebt, weitergegeben, ausgelegt und verändert wird?

    Vielleicht wird es immer menschlicher.

    Es entstehen Traditionen, Regeln, Rituale und Vorstellungen. Und irgendwann kann das, was ursprünglich hinter all dem stand, für einen Außenstehenden kaum noch zu erkennen sein.

    Zu dogmatisch. Zu streng. Zu viele Regeln, die man erst einmal lernen müsste.

    Genau damit konnte ich wenig anfangen.

    Mit etwas anderem dafür umso mehr.

    Ich muss nicht einfach glauben

    Ich entwickelte beim Lesen die Vorstellung, dass ich eine Lehre nicht deshalb annehmen muss, weil jemand sagt, sie sei wahr.

    Ich darf beobachten.

    Ausprobieren.

    Erfahren.

    Und auch hinterfragen.

    Erst durch meine eigenen Erfahrungen kann ich feststellen, ob ein Gedanke für mich heilsam ist oder mir nicht weiterhilft.

    Nichts anderes machen Kinder. Und wir sollten sie dabei unterstützen ihre Erfahrungen machen zu lassen.

    Doch ein Dogma muss ich nicht verstehen. Ich muss mich danach richten.

    Eine Idee dagegen, die ich selbst erproben, hinterfragen und vielleicht sogar verwerfen darf, kann ich verstehen. Und wenn sie sich für mich bewährt, kann ich versuchen, danach zu leben.

    Das gefiel mir.

    Auch die Offenheit faszinierte mich.

    Ein heilsamer Gedanke wird nicht deshalb wertlos, weil er irgendwo anders entstanden ist. Andere Vorstellungen müssen nicht bekämpft werden, nur weil sie anders sind. Und Fragen, auf die wir ohnehin keine endgültige Antwort finden können, müssen vielleicht auch gar nicht abschließend beantwortet werden.

    Damit kam mir ein weiterer Gedanke, der mir gefiel:

    Vielleicht muss ich gar nicht alles wissen.

    Vielleicht können wir Teile erkennen, ohne daraus gleich eine allgemeingültige Wahrheit für alle Menschen machen zu müssen.

    Wir sind Teil eines viel größeren Systems, dessen Ganzes wir vermutlich niemals vollständig erfassen können.

    Das empfand ich nicht als beängstigend.

    Im Gegenteil.

    Ich empfand es als entlastend.

    Alles ist im Fluss

    Auch machte ich mir über die buddhistischen Gedanken von Vergänglichkeit und Veränderung Gedanken.

    Alles kommt und geht.

    Alles verändert sich.

    Nichts bleibt für immer genau so, wie es gerade ist.

    Gerade in einer Lebenskrise ist das ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

    Denn wenn alles im Fluss ist, gilt das schließlich auch für das, was gerade unerträglich erscheint.

    Es wird nicht für immer genau so bleiben.

    Auch mit Vorstellungen wie Wiedergeburt und Karma begann ich mich durch das Buch inspiriert auseinanderzusetzen. Nicht in dem Sinne, dass ich plötzlich wusste, wie die Welt funktioniert.

    Das weiß ich bis heute nicht.

    Aber die dahinterliegenden Gedanken faszinierten mich.

    Dass unser Handeln Folgen hat.

    Dass das, was wir in die Welt geben, etwas bewirkt.

    Dass ich Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen kann, ohne mich deshalb für jeden Fehler auf ewig schuldig sprechen zu müssen.

    Fehler machen. Erkennen. Lernen. Weitergehen.

    Und dabei zuerst auf das eigene Handeln schauen, statt ständig über das der anderen zu urteilen.

    Gerade letzteres ist verdammt schwierig.

    Aber vielleicht muss etwas nicht leicht sein, um erstrebenswert zu sein.

    Auch die Gedanken zum Verhältnis von Besitz beschäftigten mich beim Lesen.

    Ich darf mich an etwas Schönem erfreuen, ohne dass mein Glück davon abhängen muss, es zu besitzen.

    Das Schöne wird nicht schöner, nur weil es mir gehört.

    Eine Blume muss mir nicht gehören, damit ich sie betrachten kann.

    Ein Ort nicht, damit ich mich dort wohlfühlen darf.

    Ein Augenblick nicht, damit er wertvoll gewesen ist.

    Was davon bei mir blieb

    Diese Gedanken gaben mir damals sehr viel Zuversicht.

    Und genau deshalb möchte ich gar nicht behaupten, dass ich Buddhistin geworden bin.

    Bin ich nicht.

    Ich möchte auch nicht alles glauben müssen.

    Gerade das war schließlich etwas, das mich daran angesprochen hatte.

    Aber ich möchte daran glauben dürfen, dass alles zusammengehört.

    Dass alles im Fluss ist.

    Dass wir uns verändern können.

    Auch positiv.

    Auch heilsam.

    Ich bin ein Teil dieses Ganzen. Und wenn ich mich diesem Gedanken öffne, fühle ich mich nicht vollkommen allein.

    Ich nehme Druck und Ansprüche aus meinem eigenen Leben heraus.

    Meine Werte liegen in Menschlichkeit, Verständnis und Toleranz. In Liebe und Mitgefühl für meine Mitmenschen.

    Das bedeutet für mich allerdings nicht, naiv zu sein.

    Ich sehe Ungerechtigkeit.

    Ich sehe Grausamkeit.

    Ich weiß, dass Menschen einander Schreckliches antun können.

    Trotzdem möchte ich daran festhalten, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, sein eigenes Handeln zu betrachten und vielleicht irgendwann zu erkennen, was ihm selbst, anderen Menschen und dem Ganzen guttut.

    Vielleicht ist das idealistisch.

    Damit kann ich leben.

    Denn von all den Gedanken, die ich hätte wählen können, möchte ich lieber einen wählen, der mich zu mehr Menschlichkeit führt als zu weniger.

    Wenn es etwas gibt, das zwischen Menschen heilsam wirken kann, dann sind es Aufeinanderzugehen, Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz.

    Vielleicht wäre es leichter, mit einem solchen Wertesystem aufzuwachsen.

    Vielleicht aber auch nicht.

    Vielleicht gehört es gerade dazu, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg dorthin finden muss.

    Ich bin meinen jedenfalls noch lange nicht zu Ende gegangen.

    Aber damals, mitten in einer meiner größten Lebenskrisen, fand ich in einem Bücherschrank ein paar Bücher.

    Und darin Gedanken, die mir halfen.

    Nicht weil ich sie glauben musste.

    Sondern weil ich darüber nachdenken durfte.

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.