Schlagwort: Lebenswege

  • Ein neuwerdender Mensch

    Ein neuwerdender Mensch

    Nach all diesen Büchern begann ich, Verbindungen zu ziehen.

    Zwischen dem, was ich gelesen hatte, und meinen eigenen Erfahrungen. Zwischen den Büchern untereinander. Zu Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter. Zu meiner Kindheit und meinem Leben heute.

    Viele Gedanken waren gar nicht neu. Manche kannte ich schon lange, ohne ihnen einen Namen gegeben zu haben.

    Jetzt begannen sie, sich miteinander zu verbinden.

    Und ich fragte mich:

    Sind wir vielleicht ganz schön weit von dem entfernt, was uns eigentlich guttut?

    Immer mehr

    Unser Leben ist voll.

    Voll mit Möglichkeiten, Aufgaben, Terminen, Erwartungen und Dingen.

    Wir können uns rund um die Uhr informieren, beschäftigen und ablenken. Das Handy ist immer dabei. Noch etwas anschauen. Noch etwas erledigen. Noch schnell eine Nachricht beantworten.

    Manchmal kommt es mir vor, als liefen wir in eine Richtung, von der wir selbst gar nicht mehr genau wissen, ob wir dort hinwollen. Und damit es unterwegs nicht zu dunkel wird, nehmen wir alles mit, was ein bisschen leuchtet.

    Handys. Glitzerkram. Dinge. Beschäftigung.

    Dabei mag ich schöne Dinge. Sehr sogar.

    Aber vielleicht ist genau das der Unterschied:

    Ich kann mich an etwas erfreuen, ohne es zu brauchen, um mich gut zu fühlen.

    Ein Fasan und die Ewigkeit

    Bei meinen Überlegungen erinnerte ich mich an eine Geschichte aus meiner Jugend.

    Mein Vater und ich übersetzten gemeinsam einen lateinischen Text. Darin ging ein Abt in einen nahegelegenen Wald und begegnete einem Fasan. Er betrachtete das Tier ausgiebig und versank vollkommen in diesem Augenblick.

    Als er zum Kloster zurückkehrte, war dort eine unvorstellbar lange Zeit vergangen.

    Als Jugendliche faszinierte mich diese Geschichte.

    Für mich erklärte sie auf eine ganz einfache Weise etwas, das ich vorher kaum greifen konnte:

    Unendlichkeit.

    Nicht unendlich viele Minuten hintereinander.

    Sondern einen Zustand, in dem Minuten keine Rolle mehr spielen.

    Kein Zeitgefühl.

    Nur Sein.

    Als Kinder können wir das noch ziemlich gut.

    Wir spielen, malen, bauen, beobachten – und irgendwann sind Stunden vergangen.

    Als Erwachsene passiert uns das manchmal auch noch. Beim Lesen. Gärtnern. Basteln. Kochen. Wandern. In einem wunderbaren Gespräch.

    Und dann schauen wir auf die Uhr:

    Huch! Schon so spät?!

    Sofort kommt der Stress zurück.

    Dabei war doch gerade dieser Moment vorher so unglaublich wohltuend.

    Warum erschrecken wir uns eigentlich darüber, vollkommen in etwas aufgegangen zu sein?

    Vielleicht war das keine verlorene Zeit.

    Vielleicht war es besonders gut verbrachte Zeit.

    Muss ein Lebensweg gerade sein?

    Auch meine Vorstellung davon, wie ein Leben auszusehen hat, begann sich zu verändern.

    Schule. Ausbildung oder Studium. Beruf. Arbeiten. Und möglichst lange auf diesem einmal eingeschlagenen Weg bleiben.

    Aber wir selbst bleiben doch auch nicht gleich.

    Unsere Interessen verändern sich. Unsere Fähigkeiten entwickeln sich. Manches verliert an Bedeutung und anderes entdecken wir erst viel später.

    Warum sollte unser äußerer Lebensweg unbeweglich bleiben, wenn wir selbst es nicht sind?

    Immer mehr Menschen üben nicht ihr ganzes Leben denselben Beruf aus.

    Vielleicht ist das gar keine Unbeständigkeit.

    Vielleicht ist es manchmal einfach Entwicklung.

    Alles ist im Fluss.

    Dieser Gedanke bekam für mich plötzlich eine ganz praktische Bedeutung.

    Auch ich darf im Fluss sein.

    Ich darf etwas beginnen und etwas beenden. Ich darf feststellen, dass etwas nicht mehr zu mir passt. Ich darf mich umentscheiden.

    Und ich darf mit vierzig etwas entdecken, das ich mit zwanzig noch überhaupt nicht sehen konnte.

    Ich war doch schon jemand

    2019 wollte ich mich verändern.

    Ich lag mit Migräne im dunklen Keller und wollte herausfinden, was mit mir nicht stimmte.

    Ich las. Reflektierte. Gestaltete meine Kronkorken mit Worten wie Stärke, Kraft, Zuversicht und Ruhe.

    Ich wollte wieder funktionieren.

    Dann begann ich irgendwann zu verstehen, dass vielleicht schon die Frage nicht richtig war.

    Nicht:

    Wie werde ich wieder so, dass alles funktioniert?

    Sondern:

    Wie möchte ich eigentlich leben?

    Später kamen weitere Bücher dazu.

    Gedanken über Veränderung, Vergänglichkeit, Mitgefühl und Verantwortung.

    Und schließlich ein Buch, bei dem ich eine Seite nach der anderen umknickte, weil mir so vieles darin bekannt vorkam.

    Ich fand Gedanken meiner Eltern wieder.

    Meine Liebe zu meinen Kindern.

    Meine eigenen Erfahrungen.

    Mich.

    Und irgendwann verstand ich:

    Ich war doch schon jemand.

    Aber dieser Jemand musste nicht für immer genau so bleiben.

    Die Kraft der Gedanken

    Heute bedeutet „Kraft der Gedanken“ für mich deshalb etwas anderes als damals.

    Ich glaube nicht, dass ich nur positiv genug denken müsste und dann würde alles gut.

    So funktioniert das Leben nicht.

    Menschen werden krank. Menschen erleben Dinge, die sie sich nicht ausgesucht haben. Es gibt Ungerechtigkeit, Verlust und Schmerz.

    Gedanken machen all das nicht ungeschehen.

    Aber sie haben trotzdem Kraft.

    Denn sie beeinflussen, welche Fragen ich stelle.

    Ich kann das sowieso nicht.

    Oder:

    Wie könnte ich es versuchen?

    Ich habe versagt.

    Oder:

    Was kann ich daraus lernen?

    Jetzt ist es eben so und muss für immer so bleiben.

    Oder:

    Alles ist im Fluss.

    Gedanken können die Wirklichkeit nicht beliebig verändern.

    Aber sie können verändern, wie ich ihr begegne.

    Das ist für mich heute ihre eigentliche Kraft.

    Ein neuwerdender Mensch

    Vielleicht ist genau das der Gedanke, der all diese Bücher und meine eigenen Erfahrungen miteinander verbindet.

    Ich bin nicht fertig.

    Und ich muss es auch nicht sein.

    Ich darf meine Meinung ändern. Mich irren. Etwas ausprobieren und wieder lassen. Träumen. Etwas Neues lernen. Einen anderen Weg einschlagen.

    Ich darf mich verändern, ohne damit den Menschen abzulehnen, der ich vorher gewesen bin.

    Und manchmal darf ich vollkommen in einem Augenblick versinken und irgendwann überrascht feststellen:

    Huch. Schon so spät?

    Vielleicht muss ich gar nicht mein ganzes Leben damit verbringen, irgendwann die endgültige Version meiner selbst zu werden.

    Vielleicht gibt es sie überhaupt nicht.

    Denn solange ich erlebe, kann ich lernen.

    Solange ich lerne, kann ich mich verändern.

    Und solange ich mich verändern kann, werde ich.

    Das nimmt mir inzwischen erstaunlich viel Druck.

    Ich muss nicht fertig werden.

    Ich bin ein neuwerdender Mensch.

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Resümee

    Resümee

    Ganz spontan kam mir der Gedanke nicht.

    Er war seit Jahren immer mal wieder da. Etwas wehmütig, etwas fragend, wieso – aber nicht vorwurfsvoll in irgendeine Richtung.

    Man hat regelmäßig mit einem lieben Menschen Kontakt. Trifft sich, schreibt Nachrichten hin und her und ist eben einfach im Kontakt.

    Keiner kann es nachher so richtig rekonstruieren, aber irgendwann fällt einem auf: Wo ist eigentlich mein Freund, mein Kumpel, die Person, mit der ich so viele gute Gespräche hatte? Mit der es so gut tat, sich zu treffen?

    Ich denke all die Jahre immer mal wieder an diese Person. An das, was ich noch weiß. Wo sie damals stand. Und stelle mir vor, wie wunderbar ihr Leben wahrscheinlich laufen wird.

    „Hey. Ich hier. Würde mich freuen, wenn Du Dich mal meldest. Hier meine Nummer.“

    Schreibe ich spontan auf einem Parkplatz irgendwo auf einen Zettel, falte ihn einmal in der Mitte und werfe ihn in den Briefkasten, von dem ich weiß: Der gehörte vor Jahren noch diesem Menschen. Der Name steht auch noch an der Tür.

    Ein kleines Kribbeln läuft mir durch den Bauch.

    Das könnte gut werden, denke ich mir und setze meinen Weg fort.

    Ein paar Tage später erscheint auf meinem Handy eine Nachricht.

    „Hey. Ich hier. Habe Deine Nachricht erhalten. Wohne dort nicht mehr. Wir könnten einen Kaffee trinken.“

    Yeay. Freude.

    Wir treffen uns nachmittags zum Kaffee. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Wie kam es überhaupt dazu, dass der Kontakt einschlief?

    Ungeklärte Fragen. Eine genaue Rekonstruktion schaffen wir nicht. Ist aber auch gar nicht von Bedeutung.

    Wow, was alles passiert ist in dieser Zeit.

    Ich führe aus, der Freund führt aus. Wir sind auf dem neuesten Stand. Auf und Abs in den letzten Jahren. Wir ziehen ein Resümee, befinden vieles für besser, einiges für schlechter.

    Aber die Werte stimmen immer noch: Zuversicht, Gesundheit, Karriere, innere Balance, stabilisiert durch Selbstliebe.

    Und immer wieder reflektieren wir. Wie einfach es hier ist, mal von sich wegzutreten. Die letzten Jahre etwas anders zu sehen, gemeinsam mal einzuordnen.

    Wir haben uns sofort, in den ersten paar Sekunden, wiedergefunden.

    Unangestrengt und sicher. Der andere versteht uns. Und wenn nicht, dann fragen wir eben nochmal nach.

    Einfach, ungezwungen, ein wenig wissend und immer neugierig.

    Vielleicht ist es ein bisschen wie mit einer Blüte, die jedes Jahr neu erscheint. Eine Zeit lang ist sie ganz verschwunden. Nicht vergessen – nur nicht da. Und wenn sie wiederkommt, kennt man sie sofort. Vertraut. Gleich und doch ein wenig anders.

    Ob wir uns wieder aus den Augen verlieren?

    Kann schon sein.

    Aus dem Herzen jedenfalls nicht.

    16 Jahre – auch wenn die Phasen mal länger sind, in denen man sich nicht sieht.

    Es tut gut, zu wissen, dass etwas bleibt.