Schlagwort: Körperwahrnehmung

  • Mimose

    Mimose

    Es gibt Tage, an denen wacht man morgens auf und fühlt sich klein und schwach.

    Man schaut sachte aus seinem Bettenberg in den Raum und möchte sich am liebsten gleich wieder darin eingraben und dort bleiben.

    Unter der Decke ist es warm und unkompliziert.

    Wenn es mir morgens schon so ergeht, dann achte ich an diesem Tag ganz besonders auf mich.

    Ich gehe noch etwas langsamer und mit viel Mitgefühl für mich selbst in den Tag. Ich nehme den Druck heraus, weil ich weiß, dass ich sonst nur schwer durch diesen Tag kommen würde.

    An solchen Tagen nehme ich mir nichts zusätzlich vor – außer dem, was sowieso schon geplant ist.

    Wenn möglich, nehme ich davon sogar noch etwas weg.

    An Schwung und Elan ist nicht zu denken.

    Ich musste erst mit der Zeit lernen, mich an solchen Tagen nicht noch zusätzlich zu überfordern. Nicht gegen mich selbst anzukämpfen, nur weil ich heute weniger Energie habe als gestern.

    Der Kaffee wird langsamer getrunken.

    Vielleicht auch einer mehr.

    Beim Kochen bleibt es bei der einfachen Variante. Im Haushalt bei dem, was wirklich sein muss. Beim Arbeitspensum genauso.

    Man schleppt sich ein wenig durch den Tag und nimmt sich öfter Pausen heraus.

    Bleibt hier und da einfach mal stehen.

    Atmet ein paar bewusste Atemzüge.

    Die Haut fühlt sich dünn und empfindlich an.

    Dabei müssen die Gedanken gar nicht trübe sein.

    Man ist irgendwie neutral. Ausgeglichen. Nicht besonders leicht aus der Ruhe zu bringen.

    Nur empfindlicher.

    Eine Mimose eben.

    Und vielleicht ist das gar nicht schlimm.

    So ein Tag endet bei mir meistens auf dem Sofa. Mit einem Buch, Tee und einem Kreuzworträtsel.

    Ruhig.

    Ohne große Erwartungen.

    Und genauso überraschend, wie wenig Kraft an manchen Tagen schon beim ersten Augenöffnen da ist, ist es an anderen Tagen genau umgekehrt.

    Da ist der Schwung schon da, bevor ich überhaupt richtig wach bin.

    Dann möchte ich aufstehen. Machen. Erleben.

    Beides gehört zu mir.

    Vielleicht muss ich deshalb gar nicht jeden Morgen versuchen, dieselbe Version von mir zu sein.

    Manche Tage dürfen leise sein.

  • Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Manchmal steckt in einem einzigen Bissen viel mehr, als wir im Alltag bemerken.

    Essen begleitet uns jeden Tag. Oft essen wir ganz selbstverständlich, während wir reden, nachdenken oder schon beim nächsten Gedanken sind.

    Diese Woche möchte ich Dich einladen, für einen kleinen Moment genauer hinzuspüren.

    Nicht darauf, was Du isst.
    Nicht darauf, wie viel Du isst.

    Sondern darauf, was geschieht, wenn Du einen einzigen Bissen ganz bewusst wahrnimmst.

    Dein Wellenimpuls

    Diese Woche beginnt Deine kleine Entdeckungsreise schon vor dem ersten Bissen.

    Wie fühlt sich Dein Mund an? Wo liegt Deine Zunge? Was verändert sich, wenn das Essen Deinen Mund berührt? Und wie entwickelt sich Geschmack eigentlich während des Kauens?

    Du brauchst dafür keine besondere Mahlzeit. Nimm einfach etwas, das Du ohnehin essen möchtest, und schenke dem ersten Bissen ein wenig mehr Aufmerksamkeit.

    Vielleicht schmeckst, fühlst oder bemerkst Du dabei etwas, das Dir beim Essen bisher nie aufgefallen ist.

    Bis nächste Woche.

  • Balance der Woche #004 – Gehen: meinen eigenen Takt finden

    Balance der Woche #004 – Gehen: meinen eigenen Takt finden

    Manchmal merken wir erst am Abend, wie wenig unser Körper an diesem Tag eigentlich in Bewegung war.

    Manche Tage vergehen, ohne dass wir uns viel bewegen.

    Wir sitzen, arbeiten, fahren Auto oder beschäftigen uns mit Dingen, bei denen unser Körper lange an einem Ort bleibt. Oft fällt uns das zunächst kaum auf.

    Erst später meldet sich der Körper vielleicht auf seine eigene Weise.

    Die Beine fühlen sich schwer oder unruhig an. Der Rücken möchte sich strecken. Beim Hinsetzen oder Hinlegen bemerken wir plötzlich, wie sich unser Körper nach einem langen, ruhigen Tag anfühlt.

    Doch wie ist es an einem Tag, an dem wir uns bewusst ein wenig bewegt haben?

    Darum geht es in diesem Wellenimpuls nicht darum, möglichst weit oder möglichst schnell zu gehen.

    Du darfst einfach losgehen.

    In Deinem Tempo.
    So lange, wie es sich für Dich heute gut anfühlt.

    Und danach beobachten:

    Wie fühlt sich mein Körper unmittelbar nach dem Gehen an – und wie fühlt er sich am Abend an?

    Dein Wellenimpuls

    Drucke Dir den Wellenimpuls aus oder speichere ihn auf Deinem Tablet. Beobachte Deinen Körper vor dem Gehen, währenddessen, danach und noch einmal am Abend.

    Nicht bewerten. Nicht vergleichen.

    Einfach entdecken, welchen Unterschied Bewegung für Dich macht.

    Vielleicht bemerkst Du dabei etwas, das Dir im Alltag bisher kaum aufgefallen ist.

    Vielleicht auch nicht.

    Beides darf sein.

    Bis nächste Woche.

  • Tautreten – meine kleine Kneipp-Tour am Morgen

    Tautreten – meine kleine Kneipp-Tour am Morgen

    Im Urlaub und zu Hause.

    Ich höre noch meine Mutter fröhlich rufen:
    „Jaha, die gute Kneipp-Tour. Jetzt machen wir Tautreten.“

    Direkt nach dem Aufstehen, mit noch warmen Füßen auf die feuchte, kühle Wiese hinaustreten.

    Als Kind war das eine kleine Mutprobe. Es war ein wenig wild, ein bisschen anders, irgendwie alternativ. Die Kälte ließ mich aufhüpfen und möglichst schnell durch das nasse Gras laufen.

    „Dann hat man den ganzen Tag warme Füße“, schwärmte meine Mutter und reichte mir anschließend warme Socken.

    Heute verstehe ich viel mehr von dem, was ich damals noch nicht begriff – und auch gar nicht begreifen musste.

    Tautreten gehört zu den traditionellen Kneipp-Anwendungen. Der kurze Kältereiz an den warmen Füßen regt die Durchblutung an und setzt einen Reiz für den Kreislauf und das vegetative Nervensystem. Auf den kurzen Kältereiz folgt die Wiedererwärmung – auf Anspannung wieder Entspannung.

    Wenn ich heute auf meiner Wiese Tautrete, dann weniger ausgelassen als damals als Kind.

    Bedachte, langsame Schritte wähle ich. Die Kühle lässt mich nicht mehr so aufhüpfen wie damals.

    Der Himmel ist noch etwas verwaschen von der Nacht, die Sonne hinter den Häusern noch nicht zu sehen. Unsere Amsel hüpft schon emsig über die Wiese und lässt sich von mir nicht stören.

    Die macht jeden Tag ihr Tautreten.

    Ich drehe ein paar Runden im Garten, schaue mir ungezwungen und unaufgeregt dies und jenes an. Das Gras kitzelt ganz sanft meine Füße und kühlt sie.

    An der Terrassentür sammle ich die Grashalme zwischen den Zehen und gehe wieder ins Haus.

    Warme Socken sind für mich im Sommer anschließend kein Muss.

    So darf der Tag beginnen. Geerdet, geklärt – und mit warmen Füßen.

  • Balance der Woche #003 – Sonnenlicht fühlen

    Balance der Woche #003 – Sonnenlicht fühlen

    Manchmal genügt ein Schritt nach draußen, um den eigenen Tag für einen Moment anders wahrzunehmen.

    Licht begleitet uns ganz selbstverständlich durch unseren Alltag. Morgens wird es heller, im Laufe des Tages verändert es sich und am Abend verschwindet es langsam wieder. Meist geschieht all das, ohne dass wir ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.

    Dabei können wir Licht nicht nur sehen. Wir können es auch spüren.

    Die Wärme auf der Haut. Die Helligkeit um uns herum. Den Unterschied zwischen Licht und Schatten. Vielleicht auch die Veränderung, die wir in uns selbst bemerken, wenn wir für einige Minuten nach draußen gehen.

    Für diesen Wellenimpuls brauchst Du deshalb nichts weiter zu tun, als Dir ein wenig Zeit zu schenken.

    Nicht, um möglichst viel Sonne zu bekommen.
    Nicht, um Dich anschließend anders fühlen zu müssen.

    Sondern um wahrzunehmen:

    Wie fühlt sich Tageslicht für mich heute an?

    Vielleicht entdeckst Du dabei etwas, das jeden Tag da ist – und dem Du bisher nur selten bewusst begegnet bist.

    Bis nächste Woche.

  • Unser kleines Trainingsritual

    Ich mache schon mein ganzes Leben lang Sport.

    Er gehört für mich zum Leben dazu. Und ich denke, gerade auch zu einem gesunden Leben.

    Viele Übungen machen mir richtig Spaß.

    Beinahe jeden Abend gehen wir es an.

    Einer von uns fährt den Rechner hoch, der andere holt die Trainingsmatten. Wir stellen frisches Wasser bereit und ziehen unsere bequeme Sportkleidung an.

    Ein richtiges Miniritual, das uns auf das Training einstimmt.

    Wir lächeln uns an – mal mehr, mal weniger müde, aber mit wachsender Begeisterung.

    Viele Übungen und ihre Ausführungen sind uns mittlerweile geläufig. Wir haben definitiv unsere Lieblingsübungen und seufzen lächelnd auf, wenn herausfordernde Übungen auf uns zukommen.

    Dennoch genießen wir es, wenn uns auf dem Bildschirm ein freundlicher Mensch noch einmal alles genau erklärt, uns während der Übungen an die Atmung oder die korrekte Ausführung erinnert, uns mit einem „Durchhalten!“ motiviert und mit einem „Noch einmal alles anspannen!“ die letzten Reserven anzapfen lässt.

    Manchmal nur 10 Minuten, ab und an 20 Minuten, seltener 30 Minuten.

    Wir mögen ganzheitliche Übungen und große Bewegungen und gehen im Laufe einer Woche alle Muskelgruppen durch.

    Nach dem Training loben wir uns gegenseitig. Wir besprechen die ein oder andere Übung noch einmal und klopfen uns selbst auf die Schulter.

    Das Gehirn lernt: Das war eine gute Sache. Das möchten wir bald wieder machen.

    Wir sind fit im Alltag. Achten auf unsere Gelenke. Erzwingen nichts.

    Ein richtig gutes Gefühl.

  • Unterwegs

    Unterwegs

    Ich liebe Spaziergänge und Wanderungen. Ich mag dieses stetige In-Bewegung-Sein und wie sich die Umgebung während eines Spaziergangs verändert. Die Atmung fließt dabei von ganz alleine und der Körper wird durchlässig.

    Gestern Abend fand in Koblenz das jährliche Rhein in Flammen statt. Bisher kannte ich dieses beeindruckende Ereignis aus Bonn und wollte mir nun einen Eindruck von Koblenz machen.

    Von meiner ehemaligen Uni bis zum Deutschen Eck sind es etwa 4,5 Kilometer – in ungefähr einer Stunde zu erreichen.

    Start unserer Wanderung waren der Uni-Parkplatz und der Campus. Ich erklärte und zeigte meinem Lieblingsmenschen die Gebäude und es entwickelte sich ein Gespräch über Fähigkeiten und darüber, wie sich Ziele im Laufe eines Lebens verändern können.

    Wir fanden einen Weg zur Mosel und liefen entlang der Promenade an vielen kleineren und größeren Yachten vorbei.

    Über die Fußgänger-Stahlbrücke, den Wehrsteg, überquerten wir die Mosel an ihrer letzten Staustufe. Etwa zehn Meter unter uns konnten wir in die Schleusenkammern schauen. Neben uns rauschte die Mosel am Wehr einige Meter hinab und weiter Richtung Rhein.

    Ab hier wurde die Promenade immer voller. Und schon von Weitem sahen wir das Riesenrad locken.

    Ein wunderschöner Abend, ein traumhafter Spaziergang und natürlich:

    zurück auch.

  • Jetzt kann es losgehen.

    Jetzt kann es losgehen.

    10 Uhr. Wochenende. Ich bin richtig gut ausgeschlafen.

    Katzen, Meerschweinchen und Fische sind gut gelaunt und der Tag steht in den Startlöchern.

    „Es kann losgehen“, lachen die Sonnenstrahlen mich durch die Fenster an.

    Der frisch zubereitete Smoothie kühlt im Kühlschrank runter, meine Lieblingsmenschen sind im Trott.

    „Gleich“, zwinkere ich den Sonnenstrahlen zu.

    Auf dem Weg vom Kompost zurück zum Haus greife ich mir spontan den Liegestuhl. Ich richte ihn zur Sonne hin aus und … aaaahhhh … keiner will was von mir.

    Kippfunktion nach hinten, Füße hoch, Körper und Gewicht an die Unterlage abgeben.

    Durch die geschlossenen Augen leuchtet das Sonnenlicht – samtig orange. Ein leichter Windhauch weht zart über meinen Körper, über die Oberschenkel, den Bauch, lässt die feinen Härchen um mein Gesicht vibrieren und kitzelt mich.

    Ich hebe die Hand vor die Augen und schaue durch schmale Schlitze.

    Die Sonnenstrahlen werden zu schillernden Perlenketten.

    Die bewegten Bäume seufzen und ich höre den Wind fröhlich:

    „Es kann losgehen.“

    Ja, denke ich.

    Jetzt kann es losgehen.

  • Der Boden trägt Dich

    Der Boden trägt Dich

    Schwere ist nicht nur Belastung. Schwere gibt Halt. Sie verbindet uns mit dem Boden und macht uns spürbar. Gedanken können unsere Muskelspannung und damit unsere innere Balance beeinflussen. Manchmal beginnt Entspannung genau dort, wo wir lernen, unser Gewicht bewusst loszulassen.

    Wieviel Gewicht ein entspannter Körper tatsächlich hat, wurde mir bewusst, als ich beim Rettungsschwimmerkurs meine Partnerin „bewusstlos“ aus dem Wasser ziehen sollte. Es gibt hierfür bestimmte Griffe, um einen schlaffen Körper aus dem Wasser herausziehen zu können. Wenn keine Gedanken und Erwartungen des Gehobenen den Hebenden unterstützen, wirkt der Körper spürbar schwerer.

    Muskelentspannungsübungen praktiziere ich schon seit über 15 Jahren. Ich war ein sehr aktives, lebendiges Kind. Ständig auf Bäumen und Mauern unterwegs. Rennen gab mir das Gefühl vom Fliegen – und ich war richtig schnell.

    Mein Muskeltonus, so sagte mir einst ein Orthopäde, als ich ihn von Rückenschmerzen geplagt und ratlos aufsuchte, sei sehr hoch. Also eine gesunde Grundspannung? Nein, eher überdurchschnittlich – und damit war meine Balance bereits aus dem Gleichgewicht geraten.

    Das ist inzwischen über zwanzig Jahre her.

    Wärmeflaschen, Kirschkernkissen, Wärmepflaster, Massagen, muskelentspannende Medikamente, Spritzen. Als mein Hausarzt mir mit 24 Jahren Morphium geben wollte, war für mich klar: So geht es nicht weiter. Ich ahnte, dass dieser Weg für mich nicht der richtige sein würde, und lehnte ab.

    Ich kam in ein Reha-Zentrum. Wegen guter Führung durfte ich sogar eine Woche länger bleiben als geplant. Dort lernte ich etwas, das mich bis heute begleitet: das gesunde Maß zwischen Anspannung und Entspannung.

    Ein langer Weg liegt inzwischen hinter mir. Jahr für Jahr wurden die Schmerzen weniger.

    Heute weiß ich, was ich damals noch nicht verstehen konnte.

    Ich habe einen starken Geist und eine lebendige Vorstellungskraft. Mein Körper reagiert zuverlässig auf meine Gedanken. Bin ich im Kopf konzentriert, geht mein Körper automatisch mit. Damit meine Muskeln und mein Skelett auch einmal Pause und Regeneration bekommen, muss ich ganz bewusst in die Schwere gehen. Von allein passiert das – zumindest bei mir – nicht.

    Vor kurzer Zeit durfte ich von einer beeindruckenden Frau eine einfache Übung kennenlernen, die sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Man muss dafür weder liegen noch sitzen.

    Gewicht an den Boden abgeben.

    Egal, ob ich gerade stehe oder gehe.

    Die Grundspannung in meinen Waden lässt nach. Meine Schultern sinken Richtung Boden. Ich spüre ganz bewusst den Untergrund unter meinen Fußsohlen. Mit jedem Schritt gebe ich ein wenig Gewicht ab. Wie eine Katze, die mit ihren Samtpfoten sanft in warmen Sand einsinkt.

    Der Boden trägt mich.

    Immer.

    Zuverlässig.

    Ich muss mich nicht auf der Erdoberfläche festklammern. Ich darf Gewicht abgeben.

    Ich spüre Vertrauen in die Erde.

    Ich bin geerdet.

    Ein tiefer Atemzug.

    Sorgen ausatmen.

    Ich werde vom Boden getragen.