Es gibt Gefühle, die dürfen wir gerne zeigen.
Freude. Liebe. Dankbarkeit. Begeisterung.
Und dann gibt es Gefühle, bei denen wir ziemlich schnell lernen, sie wieder einzupacken.
Wut gehört für mich dazu.
„Beruhige dich.“
„Reg dich nicht so auf.“
„Das ist doch kein Grund, wütend zu werden.“
Dabei ist Wut erst einmal genau das: ein Gefühl.
Und vielleicht sollten wir ihr manchmal zuhören, bevor wir versuchen, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.
Wut hat einen Grund
Ich kann wütend werden, wenn mich jemand verletzt.
Wenn ich unfair behandelt oder provoziert werde.
Wenn mich jemand nicht ernst nimmt.
Oder wenn eine meiner Grenzen überschritten wird.
Man darf dann wütend sein.
Und man darf sich wehren.
Man darf sagen:
Stopp.
So möchte ich nicht behandelt werden.
Das geht mir zu weit.
Das möchte ich nicht.
Vielleicht brauchen wir unsere Wut manchmal sogar genau dafür. Sie macht uns darauf aufmerksam, dass etwas für uns nicht stimmt.
Wut ist nicht Aggression
Dabei gibt es für mich einen wichtigen Unterschied:
Wütend zu sein und einen anderen Menschen zu verletzen, ist nicht dasselbe.
Ich darf wütend sein, ohne jemanden zu beschimpfen oder anzugreifen.
Ich darf widersprechen.
Nein sagen.
Eine Situation verlassen.
Meine Stimme darf auch einmal lauter werden.
Ich muss nicht vollkommen ruhig bleiben, damit meine Grenze berechtigt ist.
Gerade das finde ich wichtig.
Denn wenn jemand immer wieder gegen meine Grenze drückt, kann meine Reaktion irgendwann deutlicher werden.
Das macht meine Grenze nicht weniger wertvoll.
Was möchte meine Wut mir sagen?
Vielleicht können wir Wut deshalb einmal nicht als Störenfried betrachten, sondern als Hinweis.
Was passiert hier gerade mit mir?
Was hat mich getroffen?
Was brauche ich?
Wo liegt meine Grenze?
Was möchte ich schützen?
Damit wird aus:
„Ich darf nicht wütend sein.“
eine viel hilfreichere Frage:
„Warum bin ich gerade wütend?“
Und manchmal ist die Antwort überraschend einfach:
Weil mir etwas wichtig ist.
Ich kann entscheiden
Nicht jede Wut muss sofort hinaus in die Welt.
Manchmal brauche ich erst Abstand.
Ich kann spazieren gehen. Etwas aufschreiben. Durchatmen. Eine Nacht darüber schlafen.
Oder sagen:
„Ich bin gerade zu wütend. Wir reden später darüber.“
Auch das ist Handlungsfähigkeit.
Ich muss meine Wut weder hinunterschlucken noch ihr vollkommen die Führung überlassen.
Ich darf sie wahrnehmen, ernst nehmen und dann entscheiden, was ich damit mache.
Auch Wut gehört zu mir
Vielleicht besteht innere Balance gar nicht darin, immer ruhig und ausgeglichen zu sein.
Wir dürfen uns freuen, wenn wir glücklich sind.
Weinen, wenn wir traurig sind.
Angst wahrnehmen, wenn uns etwas Angst macht.
Und wütend sein, wenn etwas in uns ganz deutlich Nein sagt.
Für mich bedeutet Balance deshalb auch, allen meinen Gefühlen einen Platz zu geben, ohne dass eines von ihnen alles bestimmen muss.
Wut darf da sein.
Sie darf mir zeigen, dass etwas nicht stimmt.
Sie darf mir Kraft geben, mich zu positionieren.
Und sie darf wieder gehen.
Ich muss nicht gegen meine Wut kämpfen.
Ich darf lernen, ihr zuzuhören.



