Schlagwort: Erinnerung

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Erleben

    Erleben

    Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und sich später ganz unterschiedlich an sie erinnern.

    Fragt die Polizei nach einem Verkehrsunfall verschiedene Zeugen, kann es sein, dass zwei Menschen etwas vollkommen Unterschiedliches berichten. Der eine erinnert sich an ein rotes, der andere an ein blaues Auto, das den Unfallort verlassen hat. In einem Punkt stimmen beide jedoch überein: Das Auto fuhr schnell davon. Vielleicht beschreiben beide es sogar als hektisch oder fluchtartig.

    Was genau geschehen ist und wie wir etwas erlebt haben, muss also nicht dasselbe sein.

    Manche Einzelheiten scheinen zu verblassen oder verändern sich in unserer Erinnerung. Anderes bleibt erstaunlich deutlich. Vielleicht kann sich das Wie eines Augenblicks tiefer einprägen als ein Detail, das für uns in diesem Moment keine besondere Bedeutung hatte.

    Erleben ist subjektiv.

    Als Kind begegnete mir René Magrittes berühmtes Bild einer Pfeife mit den Worten:

    „Ceci n’est pas une pipe.“ – Dies ist keine Pfeife.

    Doch, dachte ich. Natürlich ist das eine Pfeife. Ich sehe sie doch.

    Erst später verstand ich: Es war tatsächlich keine Pfeife. Ich hätte sie weder stopfen noch mit ihr rauchen können. Vor mir befand sich das Bild einer Pfeife.

    Und trotzdem hatte ich eine Pfeife erkannt.

    Meine Wahrnehmung hatte mich nicht belogen. Sie hatte etwas erkannt, eingeordnet und gedeutet.

    Unser Erleben ist ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen. Und es unterliegt vielen Einflüssen.

    Ich kenne zum Beispiel das Gefühl, das entsteht, wenn ich einen ganz bestimmten Duft rieche.

    Ich könnte diesen Duft niemals wirklich beschreiben. Dafür ist er viel zu flüchtig. Und noch bevor ich versuchen könnte, einzelne Duftnoten zu erkennen, ist da längst etwas anderes:

    Glück und Geborgenheit.

    Ich weiß nicht mehr, was es ursprünglich einmal für ein Duft war. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn zum ersten Mal gerochen habe oder in welcher Situation. Vielleicht wusste ich es irgendwann einmal.

    Was geblieben ist, ist das Gefühl.

    Gefühle verknüpfen sich im Laufe unseres Lebens mit Erfahrungen und Erinnerungen. Neue Erlebnisse kommen hinzu, alte verblassen, manches verbindet sich miteinander.

    Und manchmal bleibt etwas, obwohl Zeit, Ort und Anlass längst unscharf geworden sind.

    Vielleicht muss ich später nicht mehr wissen, ob dort wirklich ein Bild hing, wer es aufgehängt hat oder was dazu gesagt wurde.

    Wenn etwas ein Gefühl in mir hinterlassen hat, dann ist dieses Gefühl heute da.

    Ich darf ihm glauben – als meinem Gefühl.

    Es beweist mir nicht jedes Detail der Vergangenheit. Es sagt mir nicht zweifelsfrei, was wann, wo und wie geschehen ist.

    Das muss es auch gar nicht.

    Es erzählt mir, wie etwas in mir weiterlebt.

    Vielleicht ist meine Realität deshalb gar nicht so zerbrechlich, wie sie manchmal erscheint.

    Ich darf wissen, was ich weiß.
    Ich darf fühlen, was ich fühle.
    Ich darf mich erinnern, woran ich mich erinnere.

    Und bei dem, was ich nicht mehr sicher weiß, darf ich sagen:

    Ich weiß es nicht.

    Das eine nimmt dem anderen nichts.

    Und ich muss nicht anfangen, jede Erinnerung auseinanderzunehmen, nur um herauszufinden, welcher Teil davon ganz sicher war.

    Nicht alles muss aufgeklärt werden. Nicht jede Lücke muss geschlossen werden. Nicht jede Unsicherheit braucht eine Antwort.

    Manchmal darf eine Erinnerung unvollständig bleiben.

    Ich muss sie nicht wieder und wieder betrachten, überprüfen und neu zusammensetzen, bis ich glaube, endlich Gewissheit gefunden zu haben.

    Denn vielleicht gibt es diese Gewissheit gar nicht mehr.

    Und auch das darf sein.

    Ich muss nicht jede Erinnerung verstehen, um meinem Erleben vertrauen zu dürfen.

    Ich muss mich nicht zwischen absoluter Gewissheit und vollständigem Zweifel an mir selbst entscheiden.

    Vielleicht bedeutet dem eigenen Erleben zu vertrauen nicht, jede Erinnerung für unumstößlich zu halten.

    Vielleicht bedeutet es, unterscheiden zu dürfen.

    Zwischen dem, was ich weiß.
    Dem, was ich erinnere.
    Dem, was ich daraus deute.
    Und dem, was ich fühle.

    Ohne daraus eine neue Aufgabe zu machen.

    Ich darf hinschauen, wenn mir das Hinschauen etwas gibt.

    Und ich darf einen Gedanken auch wieder ziehen lassen.

    All das gehört zu meinem Erleben.