Kategorie: Somatics & Körperwahrnehmung (Inneres Gleichgewicht)

Dieser Bereich vertieft die Verbindung zwischen Psyche und Physis.

  • Der goldene Käfig

    Der goldene Käfig

    2019 bekam ich starke Migräne. Einfach so.

    Ich hatte das vorher noch nie erlebt, aber natürlich schon viel davon gehört. Von unerbittlichen Schmerzen, vor denen man nicht fliehen kann. Von Menschen, die während einer Attacke kaum noch ein normales Leben führen können.

    Nun wusste ich, wovon sie sprachen.

    Meine Migräneattacken überfielen mich meistens am späten Nachmittag. Dann, wenn mein damaliger Mann nach Hause kommen sollte.

    Mein Neurologe war sehr einfühlsam. Er und seine Familie waren selbst migränegeplagt. Er sagte mir irgendwann, dass er Migräne – trotz ihrer medizinischen Komplexität – auch als mögliche Stresserscheinung erlebe. Nimmt man bei Migränepatienten den Druck heraus, würden die Attacken bei manchen weniger oder seltener.

    Wir probierten verschiedene Medikamente aus. Schlussendlich bekam ich regelmäßig eine Spritze in den Oberschenkel. Die half tatsächlich sehr gut.

    Trotzdem blieb eine Frage hängen:

    Was, wenn mein Neurologe zumindest teilweise recht hatte?

    Was, wenn ich unter Stress litt?

    Und was, wenn die Migräne nur das Symptom war?

    Ich war zu dieser Zeit unruhig und unglücklich und wusste nicht wirklich, warum. Alles fiel mir schwer.

    Dabei war doch eigentlich alles gut.

    Ich studierte in Vollzeit, arbeitete nebenbei als Übungsleiterin, kümmerte mich um einen Haushalt mit etwa 150 Quadratmetern und Garten und natürlich um meine kleinen Lieblingsmenschen, für die ich mich jeden Tag liebevoll aufopferte und die einfach meine Welt waren.

    Ich war doch glücklich.

    Oder?

    Dann lag ich eines Tages wieder mit einer Migräneattacke im dunklen, kühlen Keller. Kühlakkus an den Schläfen. Das Stechen hinter meinem Auge war so stark, dass selbst Dunkelheit und Kälte kaum etwas ausrichten konnten.

    Und plötzlich entstand ein Bild in meinem Kopf.

    Ein goldener Käfig.

    Ich verstand es nicht.

    Golden – ja.

    Aber ein Käfig?

    Wieso sollte ich in einem Käfig sitzen? Ich war doch frei.

    Das Bild blieb.

    Fest in dem Glauben, meine Migräne – oder vielleicht auch meine Niedergeschlagenheit – mit guten Gedanken eindämmen zu können, bestellte ich mir ein Buch von Hans-Peter Hepe: Heilung aus eigener Kraft – Der effektive Weg aus Krankheit, Krise und Konflikt.

    Gleichzeitig begann ich ein Projekt.

    Meine ältesten kleinen Lieblingsmenschen hatten Jahre zuvor Kronkorken am Rhein und in Parks gesammelt. Ich wusch sie und gestaltete sie mit viel Geduld und Feingefühl zu kleinen Kunstwerken.

    Sie bekamen Namen.

    Zusammenhalt. Stärke. Kraft. Zuversicht. Ruhe.

    Sie warten übrigens bis heute darauf, zu einem Mobile zusammengesetzt zu werden.

    Manche Projekte brauchen offenbar etwas länger.

    Ich las, bastelte und reflektierte.

    „Heilung aus eigener Kraft“ – das gefiel mir als Gedanke.

    Meine Mutter hatte schon immer, wenn ich mich verletzt hatte, gesagt:

    „Ist es nicht toll? Man muss gar nichts machen. Der Körper heilt von ganz alleine.“

    Stimmt, dachte ich.

    Das ist eigentlich ziemlich faszinierend.

    Aber konnte der Körper das auch bei Migräne?

    Und überhaupt: Was hatte es mit diesem verdammten goldenen Käfig auf sich?

    Beim Lesen kam mir noch ein anderer Satz meiner Mutter immer wieder in den Sinn:

    „Hilf mir, es selbst zu tun.“

    Hilfe zur Selbsthilfe.

    Mich einfach auf andere zu verlassen, konnte also nicht die Lösung sein.

    Aber das tat ich doch überhaupt nicht.

    Im Gegenteil.

    Ich war für andere da.

    Liebend gerne.

    24/7.

    Harmoniebedürftig. Organisationstalent. Trösterin. Köchin. Haushälterin. Studentin. Sportlerin. Mutter. Ehefrau.

    Gut.

    Und wo blieb ich?

    Ich stellte fest: Ich hatte keine Zeit für mich.

    Keine Zeit zum Nachdenken. Kaum freie Zeit. Mein Alltag war genau vorgegeben und richtete sich fast nie danach, was ich gerade brauchte.

    Das war eine Erkenntnis, mit der ich zunächst erstaunlich wenig anfangen konnte.

    Eigentlich machte sie mich eher ärgerlich.

    Wieso braucht ein Mensch auch so viel Zeit für sich selbst?

    Meine Work-Life-Balance war jedenfalls nicht nur ein bisschen aus dem Takt geraten.

    Positiv denken?

    Ich hatte ja nicht einmal Zeit zum Denken.

    Schon seit Jahren hatte ich das Gefühl, meinem eigenen Leben hinterherzurennen. Ich war überall gerade noch rechtzeitig. Alles geschah auf den letzten Drücker. Meine Kontakte wurden weniger, manches oberflächlicher und mein Alltag zunehmend von außen bestimmt.

    Ich war immer weniger diejenige, die handelte.

    Ich reagierte.

    Und irgendwann reagierte ich nicht einmal mehr besonders gut.

    Auch mein Spiegelbild gefiel mir nicht mehr.

    Meine Lösung dafür war zunächst ausgesprochen pragmatisch:

    Ich beschloss einfach, nicht mehr hineinzuschauen.

    Nun ja.

    So konnte es offensichtlich nicht weitergehen.

    Ich las weiter.

    Selbstvertrauen.

    Daran musste ich arbeiten.

    Das Buch deutete körperliche Beschwerden immer wieder im Zusammenhang mit inneren Konflikten und Gefühlen. Ich begann dadurch, über meine Migräne anders nachzudenken. Leistungsdruck – das erschien mir zumindest nicht völlig abwegig. Mein Neurologe hatte schließlich ebenfalls den Zusammenhang zwischen Stress und meinen Attacken angesprochen.

    Also: Druck herausnehmen.

    Nur wie?

    Ich war doch für alles verantwortlich.

    Zumindest fühlte es sich so an.

    Ohne mich lief nichts – oder zumindest nicht so, wie ich es wollte. Kämpfte und sorgte ich dafür, dass etwas so lief, wie ich es für richtig hielt, musste ich mich durchsetzen. Und genau das fiel mir schwer.

    Harmonie zu erhalten, war mein innerstes Bedürfnis.

    Erst sollte es allen anderen gut gehen.

    Und dann, wenn noch Zeit übrig war, vielleicht mir.

    Damit war ich lange gut gefahren.

    Bis mich die Migräne überrollte und mein Körper offenbar sagte:

    Nein.

    Beim Lesen begegnete mir immer wieder der Gedanke, die Ursachen dafür könnten in der eigenen Vergangenheit oder Kindheit liegen.

    Damit konnte ich wenig anfangen.

    Meine Kindheit?

    Ich hatte sie hunderttausendmal reflektiert. Ich hatte meine Lehren daraus gezogen. Ich war mit meiner Familie im Reinen. Meine Eltern und ich hatten längst eine neue Ebene miteinander gefunden.

    Ich fühlte mich frei, wenn ich an meine Kindheit dachte.

    Und irgendwann dachte ich:

    Stopp. Wer sagt eigentlich, dass ich dort suchen muss?

    Dann entdeckte ich ein Kapitel, bei dem ich besonders aufmerksam wurde.

    Skoliose.

    Eine Skoliose hatte ich bereits im Jugendalter entwickelt. Behandlungsbedürftig war sie damals nicht, schmerzhaft allerdings schon.

    In dem Buch wurde auch sie sinnbildlich gedeutet: Ein Mensch stehe nicht genügend für sich selbst ein. Er wünsche sich Veränderung, könne sich aber nicht durchsetzen. Er bleibe – während die Wirbelsäule gewissermaßen versuche, auszuweichen.

    Ich las das nicht als medizinische Erklärung meiner Skoliose.

    Aber als Bild traf es mich wie ein Blitz.

    Denn plötzlich stimmte etwas an meiner bisherigen Erklärung nicht mehr.

    Meine Skoliose war nach meiner Abnabelung vom Elternhaus stagniert. Meine Eltern und ich hatten eine andere familiäre Ebene erreicht. Ich war längst unabhängig von ihnen und empfand von ihrer Seite keinen entsprechenden Druck mehr.

    Das war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 15 Jahre her.

    Ich war gut mit meiner Vergangenheit.

    Aber warum nahm meine Skoliose nach dem Stagnieren wieder Fahrt auf?

    Warum gerade jetzt?

    Und wenn ich dieses Bild aus dem Buch einmal weiterspann:

    Wovor wollte ich mich eigentlich wegschieben?

    Ich war doch glücklich.

    In meinem goldenen Käfig.

    Langsam begann ich, etwas zu begreifen.

    Vielleicht musste ich nicht immer weiter in meiner Vergangenheit suchen.

    Vielleicht musste ich mir meine Gegenwart ansehen.

    Ich hatte meinem damaligen Mann schon seit Jahren gesagt, dass ich das Gefühl hatte, ständig hinterherzurennen. Ich brauchte Entlastung und Veränderungen. Doch wenn ich versuchte, Dinge anders zu gestalten oder mich durchzusetzen, wurde das schwierig. Mein Wunsch nach Harmonie führte wiederum dazu, dass ich mich selbst zurücknahm.

    Und damit änderte sich eine entscheidende Frage.

    Nicht mehr nur:

    Was stimmt mit mir nicht?

    Sondern:

    Was stimmt mit den Bedingungen nicht, unter denen ich versuche, zu funktionieren?

    Das war neu.

    Und ziemlich unbequem.

    Denn damit konnte ich nicht mehr jedes Problem mit noch mehr Selbstoptimierung lösen.

    Noch besser organisieren. Noch belastbarer werden. Noch positiver denken. Noch mehr Verständnis haben. Noch ein bisschen mehr schaffen.

    Vielleicht war ich gar nicht ausschließlich diejenige, an der etwas verändert werden musste.

    Vielleicht musste sich auch etwas um mich herum verändern.

    Nach der Lektüre ereignete sich eine große körperliche Veränderung in meinem Leben. Meine Migräne verschwand schließlich vollständig. Sie ist bis heute nicht zurückgekehrt. Danach beendete ich meine Bachelorarbeit, ging ins Masterstudium und hatte letztlich sogar noch mehr Aufgaben als vorher.

    Das fand ich bemerkenswert.

    Denn wenn allein die Menge meiner Aufgaben das Problem gewesen wäre, hätte das eigentlich nicht passieren dürfen.

    Die Migräne ging.

    Die Erkenntnisse blieben.

    Und sie veränderten meine Wahrnehmung.

    Ich wollte nicht mehr Harmonie um jeden Preis.

    Ich wollte gesund bleiben.

    Vielleicht war genau das mein Erwachen.

    Und der Beginn meines Weges, mich mit der Kraft der Gedanken auseinanderzusetzen.

    Nicht, weil Gedanken jede Krankheit heilen könnten.

    Sondern weil die Art, wie wir über uns, unser Leben und unsere Möglichkeiten denken, beeinflusst, welche Fragen wir überhaupt stellen.

    Meine erste neue Frage hatte ich gefunden:

    Was, wenn ich gar nicht nur mich verändern muss?

  • Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Ölziehen – 10 Minuten, die zu meinem Morgen gehören

    Parodontitis. Igitt.

    Bakterien und entzündetes Zahnfleisch, Zahnfleischtaschen, zurückgehendes Zahnfleisch – und dann womöglich irgendwann freiliegende Zahnhälse. Besonders schön klang das für mich nicht.

    Die Diagnose bekam ich gemeinsam mit meinem damaligen Partner, als wir beide Mitte 20 waren. Mein Zahnarzt erklärte mir, dass die Zahnfleischtaschen ausgespült beziehungsweise behandelt werden sollten, und gab mir einen Termin – in ungefähr drei Wochen.

    Drei Wochen?

    So lange wollte ich auf gar keinen Fall einfach nur warten. Es ging schließlich um meine guten Zähne. Und der Gedanke, dass sich mein Zahnfleisch immer weiter zurückziehen könnte, gefiel mir überhaupt nicht.

    Also tat ich etwas, das ich schon damals gerne gemacht habe: Ich fing an zu lesen.

    Ich recherchierte in verschiedenen Foren und stieß beim Lesen medizinischer Zeitschriften immer wieder auf etwas, das ich vorher überhaupt nicht kannte:

    Ölziehen.

    Die Vorstellung faszinierte mich. Öl im Mund bewegen und immer wieder durch die Zahnzwischenräume ziehen – könnte das vielleicht meine Mundhygiene zusätzlich unterstützen und auch Stellen erreichen, an die ich sonst nur schwer herankam?

    Einen Versuch war es mir wert.

    Mein erster Versuch mit Kokosöl

    Kokosöl bekam ich ganz unkompliziert bei meinem Discounter.

    Was mich zunächst überraschte: Das Zeug war fest.

    Also nahm ich, wie ich es gelesen hatte, ungefähr einen Teelöffel davon in den Mund. Durch die Wärme wurde das Kokosöl schnell flüssig und ich begann zu spülen und es immer wieder durch die Zahnzwischenräume zu drücken.

    10 bis 15 Minuten sollte ich das machen.

    Keine Chance.

    Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, mein Mund wäre randvoll. Ich musste das Öl ausspucken und fragte mich ernsthaft, wie andere Menschen das minutenlang schaffen sollten.

    Aber ich wollte es zumindest bis zu meinem Zahnarzttermin weiter ausprobieren.

    Also nahm ich am nächsten Morgen weniger.

    Einen halben Teelöffel.

    Das funktionierte schon wesentlich besser.

    Als ich irgendwann zum ersten Mal ungefähr fünf Minuten geschafft hatte, staunte ich nicht schlecht über das Gefühl danach. Mein Mund fühlte sich für mich unglaublich sauber und frisch an.

    Ich mochte dieses Gefühl.

    Und aus fünf Minuten wurden nach und nach zehn.

    Und dann kam mein Zahnarzttermin

    Drei Wochen später saß ich wieder auf dem Behandlungsstuhl.

    Ich hatte mich innerlich längst darauf eingestellt, dass meine Zahnfleischtaschen nun wie angekündigt ausgespült beziehungsweise behandelt würden.

    Doch dann kam die Überraschung.

    Meine Zahnärztin schaute sich mein Zahnfleisch sehr gründlich an und meinte sinngemäß:

    „Hm … bei Ihnen ist es eigentlich gar nicht so schlimm. Da muss ich nichts machen.“

    Statt der erwarteten Behandlung sollte ich zur Kontrolle wiederkommen beziehungsweise mich melden, falls es wieder schlechter würde.

    Ich war natürlich begeistert.

    Bei meinem damaligen Partner musste die geplante Behandlung dagegen durchgeführt werden. Er empfand sie als ziemlich unangenehm und musste auch in den Tagen danach beim Essen noch aufpassen.

    Ob meine drei Wochen Ölziehen tatsächlich etwas mit meinem Befund beim zweiten Termin zu tun hatten, kann ich rückblickend natürlich nicht feststellen.

    Für mich war dieses Erlebnis aber der Anfang von etwas, das bis heute geblieben ist:

    mein morgendliches Ölziehen.

    Seit mehr als 15 Jahren

    Fast jeden Morgen nehme ich inzwischen einen ganzenTeelöffel Kokosöl und ziehe es ungefähr zehn Minuten durch meinen Mund und meine Zahnzwischenräume.

    Es gehört zu meinem Morgen wie andere kleine Routinen auch.

    Und ich mag dieses saubere Gefühl danach noch immer.

    Meine Zahnpflege ist ansonsten ziemlich unspektakulär: Morgens und abends Zähneputzen, Ölziehen am Morgen und Zahnseide – bei Letzterem könnte ich zugegebenermaßen regelmäßiger sein. Besonders dann denke ich daran, wenn sich beispielsweise Popcorn oder Mais hartnäckig zwischen meinen Zähnen versteckt hat.

    Über die Jahre begegneten mir immer wieder Menschen, bei denen Ölziehen ebenfalls längst zu ihrer Zahnpflegeroutine gehört. Einige erzählten mir ähnlich begeistert davon und auch davon, dass sie mit ihren Zähnen bei den Kontrollen sehr zufrieden seien.

    Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass mein Kokosöl für mich irgendwann etwas ganz Selbstverständliches geworden ist.

    Einmal im Jahr gehe ich zur zahnärztlichen Kontrolle. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder höre, dass meine Zähne schön und gepflegt aussehen.

    Für mich funktioniert diese Routine seit vielen Jahren wunderbar.

    Was weiß man heute über Ölziehen?

    Als ich damals mit dem Ölziehen anfing, interessierte mich vor allem meine eigene Erfahrung. Heute finde ich es spannend, auch darauf zu schauen, was inzwischen wissenschaftlich untersucht wurde.

    Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Ölziehen die Zahl bestimmter Mundbakterien verringern kann. Die bisherige Studienlage ist allerdings noch begrenzt und ein eindeutiger Nutzen für Plaque oder Zahnfleischentzündungen ist nicht belegt.

    Für mich bleibt Ölziehen deshalb das, was es seit vielen Jahren ist:

    eine Ergänzung meiner Zahnpflege.

    Zähneputzen, Zahnzwischenraumpflege und regelmäßige Zahnarztbesuche gehören natürlich weiterhin dazu.

    Mein kleines Morgenritual

    Vielleicht ist es genau das, was ich am Ölziehen so gerne mag.

    Es kostet mich kaum etwas. Ich brauche keine komplizierte Ausstattung. Ich stehe morgens auf, nehme mein Kokosöl und kann während der zehn Minuten schon andere Dinge erledigen.

    Und irgendwann merke ich:

    Ach, meine zehn Minuten sind schon wieder vorbei.

    Dann spucke ich das Öl aus und beginne meinen Tag mit diesem wunderbar sauberen Mundgefühl, das ich inzwischen seit mehr als 15 Jahren kenne.

    Für mich habe ich damit etwas sehr Einfaches gefunden, das sich gut anfühlt und ganz selbstverständlich zu meiner persönlichen Zahnpflege gehört.

    Und manchmal sind es genau solche kleinen Dinge, die bleiben.

  • Hin-weg-laufen

    Hin-weg-laufen

    Heute Morgen zog es mich nach draußen.

    Ich hätte auch das Auto zur Post nehmen können, denn ich brauchte nur schnell eine Briefmarke und wollte einen Brief wegbringen.

    Ich lief.

    Die Sonne im Rücken, durch unseren kleinen Ort. Es war frisch, aber nicht kalt. Angenehm belebend und … kann es sein, dass es schon leicht nach Herbst roch?

    Das goldene Leuchten der Sonne durch das Blätterdach versprach einen hellen, freundlichen Tag. Trotzdem lockte es mich nicht, ans Freibad zu denken.

    Ich lief Wege, die ich schon oft mit mittlerweile weit entfernten Lieblingsmenschen gegangen bin. An verwinkelten Ecken, bekannten Bäumen und vertrauten Bachstellen erinnerte ich mich an die allerschönsten Momente mit diesen Lieblingsmenschen.

    Ich fragte mich, ob diese Menschen auch noch ab und an daran denken würden.

    Viele Jahre gingen wir diesen Weg gemeinsam.

    Heute gehe ich diesen Weg alleine – zum allerersten Mal seit genau einem Jahr.

    Vielleicht war das zu spontan. Vielleicht war es zu früh. Oder vielleicht musste das einfach nicht sein und war unüberlegt. Vielleicht hätte ich nicht alleine gehen sollen.

    Ich denke, Zeiten kommen und gehen. Manche kommen nicht zurück.

    Wir können sie nur im Herzen bewahren. Sie wertschätzen. Behüten.

    Das Laufen, also die Bewegung, tat dennoch gut. Das Licht auf meinem Gesicht, als ich auf dem Rückweg der Sonne entgegenlief.

    Im Ort gibt es bald eine Kirmes. Ich lief durch die geschlossenen und halb aufgebauten Stände.

    Es soll Musik geben, abends.

    Nehme ich mir einen Lieblingsmenschen mit, so denke ich.

  • Der Boden trägt Dich

    Der Boden trägt Dich

    Schwere ist nicht nur Belastung. Schwere gibt Halt. Sie verbindet uns mit dem Boden und macht uns spürbar. Gedanken können unsere Muskelspannung und damit unsere innere Balance beeinflussen. Manchmal beginnt Entspannung genau dort, wo wir lernen, unser Gewicht bewusst loszulassen.

    Wieviel Gewicht ein entspannter Körper tatsächlich hat, wurde mir bewusst, als ich beim Rettungsschwimmerkurs meine Partnerin „bewusstlos“ aus dem Wasser ziehen sollte. Es gibt hierfür bestimmte Griffe, um einen schlaffen Körper aus dem Wasser herausziehen zu können. Wenn keine Gedanken und Erwartungen des Gehobenen den Hebenden unterstützen, wirkt der Körper spürbar schwerer.

    Muskelentspannungsübungen praktiziere ich schon seit über 15 Jahren. Ich war ein sehr aktives, lebendiges Kind. Ständig auf Bäumen und Mauern unterwegs. Rennen gab mir das Gefühl vom Fliegen – und ich war richtig schnell.

    Mein Muskeltonus, so sagte mir einst ein Orthopäde, als ich ihn von Rückenschmerzen geplagt und ratlos aufsuchte, sei sehr hoch. Also eine gesunde Grundspannung? Nein, eher überdurchschnittlich – und damit war meine Balance bereits aus dem Gleichgewicht geraten.

    Das ist inzwischen über zwanzig Jahre her.

    Wärmeflaschen, Kirschkernkissen, Wärmepflaster, Massagen, muskelentspannende Medikamente, Spritzen. Als mein Hausarzt mir mit 24 Jahren Morphium geben wollte, war für mich klar: So geht es nicht weiter. Ich ahnte, dass dieser Weg für mich nicht der richtige sein würde, und lehnte ab.

    Ich kam in ein Reha-Zentrum. Wegen guter Führung durfte ich sogar eine Woche länger bleiben als geplant. Dort lernte ich etwas, das mich bis heute begleitet: das gesunde Maß zwischen Anspannung und Entspannung.

    Ein langer Weg liegt inzwischen hinter mir. Jahr für Jahr wurden die Schmerzen weniger.

    Heute weiß ich, was ich damals noch nicht verstehen konnte.

    Ich habe einen starken Geist und eine lebendige Vorstellungskraft. Mein Körper reagiert zuverlässig auf meine Gedanken. Bin ich im Kopf konzentriert, geht mein Körper automatisch mit. Damit meine Muskeln und mein Skelett auch einmal Pause und Regeneration bekommen, muss ich ganz bewusst in die Schwere gehen. Von allein passiert das – zumindest bei mir – nicht.

    Vor kurzer Zeit durfte ich von einer beeindruckenden Frau eine einfache Übung kennenlernen, die sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Man muss dafür weder liegen noch sitzen.

    Gewicht an den Boden abgeben.

    Egal, ob ich gerade stehe oder gehe.

    Die Grundspannung in meinen Waden lässt nach. Meine Schultern sinken Richtung Boden. Ich spüre ganz bewusst den Untergrund unter meinen Fußsohlen. Mit jedem Schritt gebe ich ein wenig Gewicht ab. Wie eine Katze, die mit ihren Samtpfoten sanft in warmen Sand einsinkt.

    Der Boden trägt mich.

    Immer.

    Zuverlässig.

    Ich muss mich nicht auf der Erdoberfläche festklammern. Ich darf Gewicht abgeben.

    Ich spüre Vertrauen in die Erde.

    Ich bin geerdet.

    Ein tiefer Atemzug.

    Sorgen ausatmen.

    Ich werde vom Boden getragen.