Schlagwort: Slow Living

  • Bügeln

    Bügeln

    Ich weiß, dass ich nicht unbedingt bügeln müsste. Viele sagen, man sähe es gar nicht, wenn Kleidung gebügelt wäre.

    Das kann sein. Wenn man Kleidung gerade zum Trocknen aufhängt oder den Trockner benutzt und anschließend die Kleidung schön gerade zusammenlegt, dann bräuchte man tatsächlich gar nicht bügeln.

    Meine Oma und ich hatten im Elternhaus ein Zimmer unter dem Dach nebeneinander. Wir hörten den gleichen Radiosender. Hatte ich Langeweile, so besuchte ich meine Oma in ihrem Zimmer und schaute ihr zu. Beim Stricken und beim Bügeln.

    Sie hatte beim Bügeln ihr Bügelbrett aufgebaut, die Sprayflasche Bügelsteif stand neben ihr und mit dem heißen Eisen arbeitete sie sich faltenfrei durch den riesigen Wäscheberg von sieben Personen.

    Als ich auszog, war für mich klar, dass auch ich bügeln werde.

    Beigebracht hat es mir keiner so richtig, aber ich habe viel bei meiner Oma abgeschaut. Ich hatte nicht so ein kleines Seitenbügelbrett für die Ärmel, wie meine Oma dies hatte, aber es klappte auch so ganz gut. Die richtige Wahl der Temperatur hatte ich schnell im Griff – steht ja auch alles auf dem Bügeleisen drauf.

    Anfangs brauchte ich sehr lange zum Bügeln, was mich aber nicht davon abhielt, es zu tun. Auch wenn ich von allen Seiten immer wieder hörte, heute müsse man doch nicht mehr bügeln.

    Ich bügle immer noch sehr gerne regelmäßig jede Woche. Bügeln war auch ein Sprungbrett für mich zum Nähen.

    Ich habe mein Bügeleisen seit 20 Jahren. Es hat einen großen Wassertank, in dem ich das destillierte Wasser mit Duftwasser vermenge. Ja, mein Bügeleisen ist laut. Was nicht schlimm ist, da ich mein Radio ja auch lauter machen kann.

    Richtig, Radio höre ich dabei auch immer noch – jedoch immer mal wieder einen anderen Sender.

    Tanzeinlagen gehören für mich dazu.

    Und ich liebe die vollen Körbe frisch gewaschener Wäsche, die zu kleinen ordentlichen Stapeln Kleidung führen.

    Für mich ist Bügeln Meditation, Selbstfürsorge, Beschäftigung, aktives Bewegen, Sorgfalt und Kümmern um meine Lieblingsmenschen in meinem Haushalt.

  • Sein

    Sein

    Was wir im Alter lernen, lernen wir von den Kindern, weil wir es durch Erwachsene, als wir noch Kinder waren, verloren haben.

    Ich finde das gar nicht abwegig. Erstens, weil ich es selbst so erlebt habe, und zweitens, weil nicht jeder Erwachsene Kinder erst zurechtbiegen muss, bevor diese selbst erwachsen werden. Erwachsenwerden ist nämlich ganz einfach.

    Warum wollen Kinder erwachsen werden?

    Ich habe gesehen, wie meine Oma Einkaufszettel schrieb. Sie hatte die unendliche Macht anzugeben, welches Mittagessen wir an welchem Tag aßen – und welchen Nachtisch es dazu gab.

    Meine Eltern machten sich für die Arbeit fertig. Ganz schick. Also musste Arbeitengehen etwas sehr Wichtiges und auch Schönes sein. Schickmachen kannte ich von Familienfeiern und Feiertagen. Das konnte nur etwas Gutes bedeuten.

    Meine älteren Geschwister bekamen irgendwann ihr eigenes verdientes Geld. Sie zeigten mir stolz ihre ersten selbstgekauften Baggyhosen, Pullover und luden mich zu einer großen Portion Eis ein.

    Dass man tut, was Mama und Papa sagen, war ja klar. Also Eltern werden musste auch prima sein.

    Alles in allem wurde einem vermittelt: Erwachsen werden ist mega toll. Mach das!

    So wurde ich groß.

    Als ich endlich Verantwortung übernehmen durfte, wollte ich das unbedingt.

    Ich tat viele Dinge auf meine Weise.

    Denn ich hatte das große Glück, nicht Erwachsene zu haben, die ständig sagten: „Du musst aber dies und jenes“ oder „Es wäre besser, wenn Du erst …“. Denn die Anforderungen, die ich an mich stellte, waren die, die man ohnehin zum Erwachsenwerden benötigte.

    Und die kommen auch, ohne dass ein Erwachsener schon im Kindergartenalter anfängt zu sagen: „Uh, Schule. Da beginnt der Ernst des Lebens.“

    Denn den Ernst kenne ich sehr gut. Der begegnet mir immer dann, wenn ich an Erwachsene denke oder mit welchen zu tun habe, die wollen oder wollten, dass ich erwachsen bin – entweder als ich noch ein Kind und dazu außerstande war oder als ich definitiv schon erwachsen war und mir das keiner mehr sagen musste.

    Denn ich und Du – sind ja einfach nur Ich und Du.

    Und vielleicht können wir genau das wieder ein bisschen von Kindern lernen.

    Ein Kind kann minutenlang einen Käfer beobachten, durch Gras streichen oder einfach irgendwo liegen – und braucht dafür keinen Grund. Es muss anschließend nicht erklären, was ihm diese Zeit gebracht hat.

    Es ist nicht faul und es „verschwendet“ keine Zeit.

    Es ist einfach da.

    Einer meiner Lieblingsmenschen sagte vor ein paar Wochen zu mir:

    „Faul sein. Das gibt es gar nicht. Das haben sich nur andere ausgedacht, um einem ein schlechtes Gefühl zu geben.“

    Ich musste darüber nachdenken.

    Denn wie oft bewerten wir einen Moment danach, was wir darin geschafft haben? Wie sinnvoll wir ihn genutzt haben? Ob wir produktiv waren?

    Dabei gibt es Momente, in denen es nichts zu erreichen gibt.

    Man darf einen Käfer einfach anschauen.
    Man darf im Gras liegen.
    Man darf die Sonne spüren.
    Man darf nichts vorhaben.

    Vielleicht ist das gar kein Nichtstun.

    Vielleicht ist das einfach Sein.