Schlagwort: Selbstannahme

  • Gedanken, die ich schon kannte.

    Gedanken, die ich schon kannte.

    Manchmal begegnet uns in einem Buch etwas Neues – und fühlt sich trotzdem erstaunlich vertraut an.

    Beim Lesen machte ich es wie so oft mit Büchern, die mir etwas bedeuten: Ich knickte Seiten um.

    Für mich.

    Und vielleicht auch für spätere Leser.

    Es wurden ziemlich viele.

    Immer wieder stieß ich auf einen Gedanken, bei dem ich innehielt. Nicht unbedingt, weil er vollkommen neu für mich war. Manchmal war genau das Gegenteil der Fall.

    Ich kannte ihn schon.

    Ich hatte ihn vielleicht nie genauso formuliert. Ich hatte ihm keinen Namen gegeben und ihn keinem bestimmten Wertesystem zugeordnet. Aber ich hatte ihn gedacht, erlebt oder irgendwann von einem Menschen gehört, der mir nahestand.

    Und genau das machte mich beim Lesen so aufgeregt.

    Was glauben wir eigentlich leichter?

    Auf einer dieser Seiten ging es um einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ:

    Dass Menschen offenbar sehr leicht glauben können, dass andere Menschen grausam, egoistisch oder rassistisch sind. Die Vorstellung dagegen, Menschen könnten friedlich miteinander leben, einander in ihren unterschiedlichen Fähigkeiten wertschätzen und sich nicht ständig miteinander vergleichen, erscheint schnell unrealistisch.

    Warum eigentlich?

    Warum erscheint uns das Schlechte manchmal glaubwürdiger als das Gute?

    Wir hören von Krieg, Gewalt, Ausgrenzung und Grausamkeit und sagen: Ja. So sind Menschen eben.

    Erzählt jemand von einer Gemeinschaft, in der Menschen einander achten, füreinander sorgen und die Begabungen des anderen nicht als Bedrohung der eigenen empfinden, werden wir skeptisch.

    Zu schön, um wahr zu sein.

    Vielleicht sagt diese Reaktion mindestens genauso viel über unsere Vorstellungen vom Menschen aus wie über den Menschen selbst.

    Ich wollte jedenfalls nicht glauben, dass Grausamkeit realistischer sein soll als Menschlichkeit.

    Sich selbst annehmen

    Einige Seiten später begegnete mir etwas noch Vertrauteres.

    Es ging um Verzeihen. Darum, nicht über sich selbst zu richten, sondern aus der eigenen Vergangenheit zu lernen. Sich anzunehmen. Aufrichtig mit sich selbst zu sein. Und um den Gedanken, dass Liebe zu anderen Menschen auch etwas damit zu tun hat, wie wir uns selbst begegnen.

    Da musste ich lächeln.

    Das kannte ich.

    Das hatten mir meine Mutter und mein Vater während meiner Pubertät vermittelt.

    Und sogar mein erster fester Freund sagte etwas Ähnliches zu mir, als er sich von mir trennte. Ich war elf oder zwölf Jahre alt.

    Damals konnte ich mit solchen Sätzen wahrscheinlich noch nicht allzu viel anfangen.

    Heute schon.

    Sich selbst zu lieben bedeutet für mich nicht, sich großartig zu finden. Es bedeutet auch nicht, keine Fehler mehr an sich sehen zu dürfen.

    Vielleicht bedeutet es zunächst etwas viel Einfacheres:

    Sich selbst nicht ständig verlassen zu müssen, um von anderen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber

    Dann las ich von dem Gefühl, von anderen Menschen vollkommen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber.

    Nicht schöner, klüger, erfolgreicher oder angepasster sein zu müssen. Nicht erst etwas leisten zu müssen, um wertvoll zu sein.

    Auch dieses Gefühl kannte ich.

    Von meinen Kindern.

    Wenn ich an die Liebe zu ihnen denke, brauche ich keine Begründung dafür.

    Sie müssen nichts tun, um diese Liebe zu verdienen.

    Sie müssen nicht besonders erfolgreich sein. Sie müssen nicht so sein, wie ich es mir vorgestellt habe. Sie müssen mir nicht ähnlich sein.

    Sie sind sie.

    Und ich liebe sie.

    Vielleicht ist bedingungslose Liebe genau deshalb so kraftvoll: Weil ein Mensch für einen Moment aufhören darf, sich seinen Wert verdienen zu müssen.

    Haben, werden, sein

    Andere umgeknickte Seiten führten mich wieder zurück zu Gedanken, die mich schon beim Buddhismus beschäftigt hatten.

    Besitz.

    Ruhm.

    Erfolg.

    Älterwerden.

    Warum feiern wir beispielsweise jedes Jahr, dass wir ein Jahr älter geworden sind?

    Eigentlich haben wir dafür überhaupt nichts getan.

    Wir waren lediglich da.

    Ich musste über diesen Gedanken schmunzeln.

    Natürlich möchte ich Geburtstage trotzdem feiern. Sehr sogar.

    Aber die Frage dahinter gefiel mir: Was halten wir eigentlich für feiernswert?

    Dass ein weiteres Jahr vergangen ist?

    Oder dass ein Mensch gewachsen ist?

    Dass er etwas verstanden hat, was er vorher nicht verstehen konnte?

    Dass er etwas überwunden hat?

    Dass er mutiger, liebevoller oder vielleicht einfach ein kleines bisschen mehr er selbst geworden ist?

    Vielleicht sollten wir viel häufiger Dinge feiern, für die es keinen Eintrag im Kalender gibt.

    Und wieder: der Körper

    Dann kam ich zu Seiten, bei denen ich unweigerlich an meinen goldenen Käfig denken musste.

    An meine Migräne.

    An meine Skoliose.

    An die Frage, die einige Jahre zuvor überhaupt erst alles ins Rollen gebracht hatte.

    Welche Rolle spielen Gefühle, Gedanken und unsere innere Verfassung für unser Wohlbefinden?

    Das Buch brachte mich erneut auf die Vorstellung, dass körperliche Einschränkungen manchmal auch zum Innehalten zwingen können.

    Heute würde ich daraus keine einfache Gleichung machen.

    Krankheit bedeutet nicht automatisch, dass irgendwo ein ungelöstes seelisches Problem versteckt liegt. Und gute Gedanken machen einen Menschen nicht automatisch gesund.

    Aber einen Gedanken daraus habe ich behalten:

    Mein Körper gehört zu mir.

    Er läuft nicht unabhängig von meinem Leben irgendwo nebenher.

    Wie ich schlafe. Wie ich lebe. Wie viel Druck ich empfinde. Ob ich mich sicher fühle. Ob ich ständig angespannt bin. Ob ich mich bewege. Ob ich Ruhe finde.

    All das gehört zu meinem Leben.

    Vielleicht muss ich meinen Körper deshalb nicht immer nur zum Funktionieren bringen.

    Vielleicht darf ich ihm auch zuhören.

    Zu beschäftigt mit dem Sein, um zu werden

    Und dann knickte ich wieder eine Seite um.

    Dort begegnete mir die Vorstellung einer Menschheit, die noch lange nicht fertig entwickelt ist. Einer Welt, die weiterhin ein unfertiges Projekt ist. Und Menschen, die möglicherweise so sehr mit ihrem gegenwärtigen Sein beschäftigt sind, dass ihnen kaum Raum zum Werden bleibt.

    Ich hielt inne.

    Bin ich das etwa auch?

    Ja.

    Natürlich.

    Wie oft war ich damit beschäftigt gewesen, meinen Alltag am Laufen zu halten?

    Termine. Haushalt. Studium. Arbeit. Familie. Verpflichtungen.

    Funktionieren.

    Das Sein verwalten.

    Aber wann war eigentlich Zeit zum Werden?

    Diese Frage traf etwas in mir.

    Denn vielleicht bin ich gar kein fertiger Mensch, an dem hier und da noch etwas repariert werden muss.

    Vielleicht bin ich ein Mensch, der sich sein ganzes Leben lang verändert.

    Was darf noch weg? Was darf dazukommen?

    Ein weiterer Gedanke gefiel mir deshalb besonders: Veränderung beginnt damit, dass ich selbst ihre Notwendigkeit erkenne.

    Nicht weil jemand anderes entscheidet, was an mir falsch ist.

    Nicht weil ich irgendeiner Vorstellung entsprechen soll.

    Sondern weil ich merke: So möchte ich nicht weitermachen.

    Und dann darf etwas gehen.

    Eine Gewohnheit.

    Eine Vorstellung.

    Ein Anspruch.

    Vielleicht sogar ein Lebensentwurf.

    Und etwas anderes darf dazukommen.

    Mut.

    Ruhe.

    Neugier.

    Eine neue Fähigkeit.

    Eine andere Art, über mich selbst zu denken.

    Plötzlich war Veränderung für mich nicht mehr nur die Aufforderung:

    Du musst anders werden.

    Sie konnte auch bedeuten:

    Du darfst noch werden.

    Das ist etwas völlig anderes.

    Tagsüber träumen

    Eine meiner liebsten umgeknickten Seiten beschäftigte sich mit dem Träumen.

    Mit der Vorstellung, wir würden nachts vielleicht auch deshalb so viel träumen, weil unsere Gesellschaft für das Träumen am Tag wenig übrig hat. Besonders für das Träumen mit offenen Augen.

    Auch dieser Gedanke gefiel mir sofort.

    Denn wann hatten wir eigentlich beschlossen, dass Tagträumen Zeitverschwendung ist?

    Dass ein erwachsener Mensch immer irgendeinen Zweck verfolgen muss?

    Vielleicht brauchen wir diese zweckfreien Gedanken.

    Dieses Spinnen.

    Ausmalen.

    Erfinden.

    Vielleicht beginnt manches Neue genau dort, wo wir für einen Moment aufhören, vernünftig sein zu müssen.

    Die umgeknickten Seiten

    Als ich irgendwann auf das Buch mit seinen ganzen Knicken schaute, wurde mir etwas bewusst.

    Ich hatte dort nicht einfach eine Ansammlung fremder Wahrheiten gefunden.

    Vieles davon war mir längst begegnet.

    In meiner Kindheit.

    In Gesprächen mit meinen Eltern.

    In meiner ersten Liebe.

    In der Liebe zu meinen Kindern.

    In meinem Körper.

    In meinen Krisen.

    Und in meinen eigenen Gedanken.

    Vielleicht war genau deshalb manches beim Lesen so aufregend.

    Jemand hatte Worte für etwas gefunden, das in mir längst vorhanden war.

    Und vielleicht ist das eine der schönsten Erfahrungen, die man mit einem Buch machen kann.

    Nicht:

    Jetzt weiß ich endlich, was ich glauben soll.

    Sondern:

    Da ist etwas, worüber ich weiterdenken möchte.

    Und das tat ich.

    Denn langsam begannen sich all diese einzelnen Gedanken miteinander zu verbinden.

    Der goldene Käfig.

    Mein Körper.

    Die heilsamen Gedanken.

    Meine Eltern.

    Meine Kinder.

    Das Werden.

    Und diese merkwürdig beruhigende Vorstellung, dass weder ich noch die Welt bereits fertig sein müssen.

    Vielleicht musste ich gar kein anderer Mensch werden.

    Vielleicht durfte ich einfach anfangen, ein neuwerdender Mensch zu sein.