Schlagwort: persönliche Entwicklung

  • Ein neuwerdender Mensch

    Ein neuwerdender Mensch

    Nach all diesen Büchern begann ich, Verbindungen zu ziehen.

    Zwischen dem, was ich gelesen hatte, und meinen eigenen Erfahrungen. Zwischen den Büchern untereinander. Zu Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter. Zu meiner Kindheit und meinem Leben heute.

    Viele Gedanken waren gar nicht neu. Manche kannte ich schon lange, ohne ihnen einen Namen gegeben zu haben.

    Jetzt begannen sie, sich miteinander zu verbinden.

    Und ich fragte mich:

    Sind wir vielleicht ganz schön weit von dem entfernt, was uns eigentlich guttut?

    Immer mehr

    Unser Leben ist voll.

    Voll mit Möglichkeiten, Aufgaben, Terminen, Erwartungen und Dingen.

    Wir können uns rund um die Uhr informieren, beschäftigen und ablenken. Das Handy ist immer dabei. Noch etwas anschauen. Noch etwas erledigen. Noch schnell eine Nachricht beantworten.

    Manchmal kommt es mir vor, als liefen wir in eine Richtung, von der wir selbst gar nicht mehr genau wissen, ob wir dort hinwollen. Und damit es unterwegs nicht zu dunkel wird, nehmen wir alles mit, was ein bisschen leuchtet.

    Handys. Glitzerkram. Dinge. Beschäftigung.

    Dabei mag ich schöne Dinge. Sehr sogar.

    Aber vielleicht ist genau das der Unterschied:

    Ich kann mich an etwas erfreuen, ohne es zu brauchen, um mich gut zu fühlen.

    Ein Fasan und die Ewigkeit

    Bei meinen Überlegungen erinnerte ich mich an eine Geschichte aus meiner Jugend.

    Mein Vater und ich übersetzten gemeinsam einen lateinischen Text. Darin ging ein Abt in einen nahegelegenen Wald und begegnete einem Fasan. Er betrachtete das Tier ausgiebig und versank vollkommen in diesem Augenblick.

    Als er zum Kloster zurückkehrte, war dort eine unvorstellbar lange Zeit vergangen.

    Als Jugendliche faszinierte mich diese Geschichte.

    Für mich erklärte sie auf eine ganz einfache Weise etwas, das ich vorher kaum greifen konnte:

    Unendlichkeit.

    Nicht unendlich viele Minuten hintereinander.

    Sondern einen Zustand, in dem Minuten keine Rolle mehr spielen.

    Kein Zeitgefühl.

    Nur Sein.

    Als Kinder können wir das noch ziemlich gut.

    Wir spielen, malen, bauen, beobachten – und irgendwann sind Stunden vergangen.

    Als Erwachsene passiert uns das manchmal auch noch. Beim Lesen. Gärtnern. Basteln. Kochen. Wandern. In einem wunderbaren Gespräch.

    Und dann schauen wir auf die Uhr:

    Huch! Schon so spät?!

    Sofort kommt der Stress zurück.

    Dabei war doch gerade dieser Moment vorher so unglaublich wohltuend.

    Warum erschrecken wir uns eigentlich darüber, vollkommen in etwas aufgegangen zu sein?

    Vielleicht war das keine verlorene Zeit.

    Vielleicht war es besonders gut verbrachte Zeit.

    Muss ein Lebensweg gerade sein?

    Auch meine Vorstellung davon, wie ein Leben auszusehen hat, begann sich zu verändern.

    Schule. Ausbildung oder Studium. Beruf. Arbeiten. Und möglichst lange auf diesem einmal eingeschlagenen Weg bleiben.

    Aber wir selbst bleiben doch auch nicht gleich.

    Unsere Interessen verändern sich. Unsere Fähigkeiten entwickeln sich. Manches verliert an Bedeutung und anderes entdecken wir erst viel später.

    Warum sollte unser äußerer Lebensweg unbeweglich bleiben, wenn wir selbst es nicht sind?

    Immer mehr Menschen üben nicht ihr ganzes Leben denselben Beruf aus.

    Vielleicht ist das gar keine Unbeständigkeit.

    Vielleicht ist es manchmal einfach Entwicklung.

    Alles ist im Fluss.

    Dieser Gedanke bekam für mich plötzlich eine ganz praktische Bedeutung.

    Auch ich darf im Fluss sein.

    Ich darf etwas beginnen und etwas beenden. Ich darf feststellen, dass etwas nicht mehr zu mir passt. Ich darf mich umentscheiden.

    Und ich darf mit vierzig etwas entdecken, das ich mit zwanzig noch überhaupt nicht sehen konnte.

    Ich war doch schon jemand

    2019 wollte ich mich verändern.

    Ich lag mit Migräne im dunklen Keller und wollte herausfinden, was mit mir nicht stimmte.

    Ich las. Reflektierte. Gestaltete meine Kronkorken mit Worten wie Stärke, Kraft, Zuversicht und Ruhe.

    Ich wollte wieder funktionieren.

    Dann begann ich irgendwann zu verstehen, dass vielleicht schon die Frage nicht richtig war.

    Nicht:

    Wie werde ich wieder so, dass alles funktioniert?

    Sondern:

    Wie möchte ich eigentlich leben?

    Später kamen weitere Bücher dazu.

    Gedanken über Veränderung, Vergänglichkeit, Mitgefühl und Verantwortung.

    Und schließlich ein Buch, bei dem ich eine Seite nach der anderen umknickte, weil mir so vieles darin bekannt vorkam.

    Ich fand Gedanken meiner Eltern wieder.

    Meine Liebe zu meinen Kindern.

    Meine eigenen Erfahrungen.

    Mich.

    Und irgendwann verstand ich:

    Ich war doch schon jemand.

    Aber dieser Jemand musste nicht für immer genau so bleiben.

    Die Kraft der Gedanken

    Heute bedeutet „Kraft der Gedanken“ für mich deshalb etwas anderes als damals.

    Ich glaube nicht, dass ich nur positiv genug denken müsste und dann würde alles gut.

    So funktioniert das Leben nicht.

    Menschen werden krank. Menschen erleben Dinge, die sie sich nicht ausgesucht haben. Es gibt Ungerechtigkeit, Verlust und Schmerz.

    Gedanken machen all das nicht ungeschehen.

    Aber sie haben trotzdem Kraft.

    Denn sie beeinflussen, welche Fragen ich stelle.

    Ich kann das sowieso nicht.

    Oder:

    Wie könnte ich es versuchen?

    Ich habe versagt.

    Oder:

    Was kann ich daraus lernen?

    Jetzt ist es eben so und muss für immer so bleiben.

    Oder:

    Alles ist im Fluss.

    Gedanken können die Wirklichkeit nicht beliebig verändern.

    Aber sie können verändern, wie ich ihr begegne.

    Das ist für mich heute ihre eigentliche Kraft.

    Ein neuwerdender Mensch

    Vielleicht ist genau das der Gedanke, der all diese Bücher und meine eigenen Erfahrungen miteinander verbindet.

    Ich bin nicht fertig.

    Und ich muss es auch nicht sein.

    Ich darf meine Meinung ändern. Mich irren. Etwas ausprobieren und wieder lassen. Träumen. Etwas Neues lernen. Einen anderen Weg einschlagen.

    Ich darf mich verändern, ohne damit den Menschen abzulehnen, der ich vorher gewesen bin.

    Und manchmal darf ich vollkommen in einem Augenblick versinken und irgendwann überrascht feststellen:

    Huch. Schon so spät?

    Vielleicht muss ich gar nicht mein ganzes Leben damit verbringen, irgendwann die endgültige Version meiner selbst zu werden.

    Vielleicht gibt es sie überhaupt nicht.

    Denn solange ich erlebe, kann ich lernen.

    Solange ich lerne, kann ich mich verändern.

    Und solange ich mich verändern kann, werde ich.

    Das nimmt mir inzwischen erstaunlich viel Druck.

    Ich muss nicht fertig werden.

    Ich bin ein neuwerdender Mensch.

  • Gedanken, die ich schon kannte.

    Gedanken, die ich schon kannte.

    Manchmal begegnet uns in einem Buch etwas Neues – und fühlt sich trotzdem erstaunlich vertraut an.

    Beim Lesen machte ich es wie so oft mit Büchern, die mir etwas bedeuten: Ich knickte Seiten um.

    Für mich.

    Und vielleicht auch für spätere Leser.

    Es wurden ziemlich viele.

    Immer wieder stieß ich auf einen Gedanken, bei dem ich innehielt. Nicht unbedingt, weil er vollkommen neu für mich war. Manchmal war genau das Gegenteil der Fall.

    Ich kannte ihn schon.

    Ich hatte ihn vielleicht nie genauso formuliert. Ich hatte ihm keinen Namen gegeben und ihn keinem bestimmten Wertesystem zugeordnet. Aber ich hatte ihn gedacht, erlebt oder irgendwann von einem Menschen gehört, der mir nahestand.

    Und genau das machte mich beim Lesen so aufgeregt.

    Was glauben wir eigentlich leichter?

    Auf einer dieser Seiten ging es um einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ:

    Dass Menschen offenbar sehr leicht glauben können, dass andere Menschen grausam, egoistisch oder rassistisch sind. Die Vorstellung dagegen, Menschen könnten friedlich miteinander leben, einander in ihren unterschiedlichen Fähigkeiten wertschätzen und sich nicht ständig miteinander vergleichen, erscheint schnell unrealistisch.

    Warum eigentlich?

    Warum erscheint uns das Schlechte manchmal glaubwürdiger als das Gute?

    Wir hören von Krieg, Gewalt, Ausgrenzung und Grausamkeit und sagen: Ja. So sind Menschen eben.

    Erzählt jemand von einer Gemeinschaft, in der Menschen einander achten, füreinander sorgen und die Begabungen des anderen nicht als Bedrohung der eigenen empfinden, werden wir skeptisch.

    Zu schön, um wahr zu sein.

    Vielleicht sagt diese Reaktion mindestens genauso viel über unsere Vorstellungen vom Menschen aus wie über den Menschen selbst.

    Ich wollte jedenfalls nicht glauben, dass Grausamkeit realistischer sein soll als Menschlichkeit.

    Sich selbst annehmen

    Einige Seiten später begegnete mir etwas noch Vertrauteres.

    Es ging um Verzeihen. Darum, nicht über sich selbst zu richten, sondern aus der eigenen Vergangenheit zu lernen. Sich anzunehmen. Aufrichtig mit sich selbst zu sein. Und um den Gedanken, dass Liebe zu anderen Menschen auch etwas damit zu tun hat, wie wir uns selbst begegnen.

    Da musste ich lächeln.

    Das kannte ich.

    Das hatten mir meine Mutter und mein Vater während meiner Pubertät vermittelt.

    Und sogar mein erster fester Freund sagte etwas Ähnliches zu mir, als er sich von mir trennte. Ich war elf oder zwölf Jahre alt.

    Damals konnte ich mit solchen Sätzen wahrscheinlich noch nicht allzu viel anfangen.

    Heute schon.

    Sich selbst zu lieben bedeutet für mich nicht, sich großartig zu finden. Es bedeutet auch nicht, keine Fehler mehr an sich sehen zu dürfen.

    Vielleicht bedeutet es zunächst etwas viel Einfacheres:

    Sich selbst nicht ständig verlassen zu müssen, um von anderen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber

    Dann las ich von dem Gefühl, von anderen Menschen vollkommen angenommen zu werden.

    Ohne Wenn und Aber.

    Nicht schöner, klüger, erfolgreicher oder angepasster sein zu müssen. Nicht erst etwas leisten zu müssen, um wertvoll zu sein.

    Auch dieses Gefühl kannte ich.

    Von meinen Kindern.

    Wenn ich an die Liebe zu ihnen denke, brauche ich keine Begründung dafür.

    Sie müssen nichts tun, um diese Liebe zu verdienen.

    Sie müssen nicht besonders erfolgreich sein. Sie müssen nicht so sein, wie ich es mir vorgestellt habe. Sie müssen mir nicht ähnlich sein.

    Sie sind sie.

    Und ich liebe sie.

    Vielleicht ist bedingungslose Liebe genau deshalb so kraftvoll: Weil ein Mensch für einen Moment aufhören darf, sich seinen Wert verdienen zu müssen.

    Haben, werden, sein

    Andere umgeknickte Seiten führten mich wieder zurück zu Gedanken, die mich schon beim Buddhismus beschäftigt hatten.

    Besitz.

    Ruhm.

    Erfolg.

    Älterwerden.

    Warum feiern wir beispielsweise jedes Jahr, dass wir ein Jahr älter geworden sind?

    Eigentlich haben wir dafür überhaupt nichts getan.

    Wir waren lediglich da.

    Ich musste über diesen Gedanken schmunzeln.

    Natürlich möchte ich Geburtstage trotzdem feiern. Sehr sogar.

    Aber die Frage dahinter gefiel mir: Was halten wir eigentlich für feiernswert?

    Dass ein weiteres Jahr vergangen ist?

    Oder dass ein Mensch gewachsen ist?

    Dass er etwas verstanden hat, was er vorher nicht verstehen konnte?

    Dass er etwas überwunden hat?

    Dass er mutiger, liebevoller oder vielleicht einfach ein kleines bisschen mehr er selbst geworden ist?

    Vielleicht sollten wir viel häufiger Dinge feiern, für die es keinen Eintrag im Kalender gibt.

    Und wieder: der Körper

    Dann kam ich zu Seiten, bei denen ich unweigerlich an meinen goldenen Käfig denken musste.

    An meine Migräne.

    An meine Skoliose.

    An die Frage, die einige Jahre zuvor überhaupt erst alles ins Rollen gebracht hatte.

    Welche Rolle spielen Gefühle, Gedanken und unsere innere Verfassung für unser Wohlbefinden?

    Das Buch brachte mich erneut auf die Vorstellung, dass körperliche Einschränkungen manchmal auch zum Innehalten zwingen können.

    Heute würde ich daraus keine einfache Gleichung machen.

    Krankheit bedeutet nicht automatisch, dass irgendwo ein ungelöstes seelisches Problem versteckt liegt. Und gute Gedanken machen einen Menschen nicht automatisch gesund.

    Aber einen Gedanken daraus habe ich behalten:

    Mein Körper gehört zu mir.

    Er läuft nicht unabhängig von meinem Leben irgendwo nebenher.

    Wie ich schlafe. Wie ich lebe. Wie viel Druck ich empfinde. Ob ich mich sicher fühle. Ob ich ständig angespannt bin. Ob ich mich bewege. Ob ich Ruhe finde.

    All das gehört zu meinem Leben.

    Vielleicht muss ich meinen Körper deshalb nicht immer nur zum Funktionieren bringen.

    Vielleicht darf ich ihm auch zuhören.

    Zu beschäftigt mit dem Sein, um zu werden

    Und dann knickte ich wieder eine Seite um.

    Dort begegnete mir die Vorstellung einer Menschheit, die noch lange nicht fertig entwickelt ist. Einer Welt, die weiterhin ein unfertiges Projekt ist. Und Menschen, die möglicherweise so sehr mit ihrem gegenwärtigen Sein beschäftigt sind, dass ihnen kaum Raum zum Werden bleibt.

    Ich hielt inne.

    Bin ich das etwa auch?

    Ja.

    Natürlich.

    Wie oft war ich damit beschäftigt gewesen, meinen Alltag am Laufen zu halten?

    Termine. Haushalt. Studium. Arbeit. Familie. Verpflichtungen.

    Funktionieren.

    Das Sein verwalten.

    Aber wann war eigentlich Zeit zum Werden?

    Diese Frage traf etwas in mir.

    Denn vielleicht bin ich gar kein fertiger Mensch, an dem hier und da noch etwas repariert werden muss.

    Vielleicht bin ich ein Mensch, der sich sein ganzes Leben lang verändert.

    Was darf noch weg? Was darf dazukommen?

    Ein weiterer Gedanke gefiel mir deshalb besonders: Veränderung beginnt damit, dass ich selbst ihre Notwendigkeit erkenne.

    Nicht weil jemand anderes entscheidet, was an mir falsch ist.

    Nicht weil ich irgendeiner Vorstellung entsprechen soll.

    Sondern weil ich merke: So möchte ich nicht weitermachen.

    Und dann darf etwas gehen.

    Eine Gewohnheit.

    Eine Vorstellung.

    Ein Anspruch.

    Vielleicht sogar ein Lebensentwurf.

    Und etwas anderes darf dazukommen.

    Mut.

    Ruhe.

    Neugier.

    Eine neue Fähigkeit.

    Eine andere Art, über mich selbst zu denken.

    Plötzlich war Veränderung für mich nicht mehr nur die Aufforderung:

    Du musst anders werden.

    Sie konnte auch bedeuten:

    Du darfst noch werden.

    Das ist etwas völlig anderes.

    Tagsüber träumen

    Eine meiner liebsten umgeknickten Seiten beschäftigte sich mit dem Träumen.

    Mit der Vorstellung, wir würden nachts vielleicht auch deshalb so viel träumen, weil unsere Gesellschaft für das Träumen am Tag wenig übrig hat. Besonders für das Träumen mit offenen Augen.

    Auch dieser Gedanke gefiel mir sofort.

    Denn wann hatten wir eigentlich beschlossen, dass Tagträumen Zeitverschwendung ist?

    Dass ein erwachsener Mensch immer irgendeinen Zweck verfolgen muss?

    Vielleicht brauchen wir diese zweckfreien Gedanken.

    Dieses Spinnen.

    Ausmalen.

    Erfinden.

    Vielleicht beginnt manches Neue genau dort, wo wir für einen Moment aufhören, vernünftig sein zu müssen.

    Die umgeknickten Seiten

    Als ich irgendwann auf das Buch mit seinen ganzen Knicken schaute, wurde mir etwas bewusst.

    Ich hatte dort nicht einfach eine Ansammlung fremder Wahrheiten gefunden.

    Vieles davon war mir längst begegnet.

    In meiner Kindheit.

    In Gesprächen mit meinen Eltern.

    In meiner ersten Liebe.

    In der Liebe zu meinen Kindern.

    In meinem Körper.

    In meinen Krisen.

    Und in meinen eigenen Gedanken.

    Vielleicht war genau deshalb manches beim Lesen so aufregend.

    Jemand hatte Worte für etwas gefunden, das in mir längst vorhanden war.

    Und vielleicht ist das eine der schönsten Erfahrungen, die man mit einem Buch machen kann.

    Nicht:

    Jetzt weiß ich endlich, was ich glauben soll.

    Sondern:

    Da ist etwas, worüber ich weiterdenken möchte.

    Und das tat ich.

    Denn langsam begannen sich all diese einzelnen Gedanken miteinander zu verbinden.

    Der goldene Käfig.

    Mein Körper.

    Die heilsamen Gedanken.

    Meine Eltern.

    Meine Kinder.

    Das Werden.

    Und diese merkwürdig beruhigende Vorstellung, dass weder ich noch die Welt bereits fertig sein müssen.

    Vielleicht musste ich gar kein anderer Mensch werden.

    Vielleicht durfte ich einfach anfangen, ein neuwerdender Mensch zu sein.

  • Heilsame Gedanken

    Heilsame Gedanken

    Angestoßen durch „Grundgedanken des Buddhismus“ von Verena Reichle

    In meiner bis hierhin größten Lebenskrise – das Leben hält bestimmt noch die eine oder andere Prüfung für mich bereit – entdeckte ich im Winter 2025 in einem Bücherschrank einige Bücher über Buddhismus.

    Mein gelernter Glaube half mir damals nicht weiter. Und, wenn ich ehrlich bin, tut er das auch heute nur bedingt.

    Nicht dabei, Dinge anzunehmen. Nicht dabei, Lösungen zu finden. Nicht dabei, glücklich zu sein.

    Vielleicht weiß ich auch einfach zu wenig über meine eigene Konfession. Für mich war mein Glaube immer vor allem menschliche Gemeinschaft, Zuversicht und Demut.

    Der Buddhismus hingegen – besonders seine Denk- und Seinsweise – war mir schon hier und da begegnet. In Dokumentationen, während meiner Schulzeit, in einzelnen Gedanken und Lehrsätzen. Mein Vater hatte mir das Meditieren erklärt.

    Aber wirklich beschäftigt hatte ich mich damit nie.

    Bis ich das Buch von Verena Reichle über die Grundgedanken des Buddhismus las.

    Und ziemlich zu Anfang passierte etwas, das mir gefiel:

    Ich sollte erst einmal einiges von dem vergessen, was ich glaubte, über Buddhismus zu wissen.

    Die Autorin räumt mit Missverständnissen auf und stellt einige verbreitete Vorstellungen richtig.

    Dabei begann mich eine Frage zu beschäftigen: Was passiert eigentlich mit einem Wertesystem, wenn es über sehr lange Zeit von Menschen gelebt, weitergegeben, ausgelegt und verändert wird?

    Vielleicht wird es immer menschlicher.

    Es entstehen Traditionen, Regeln, Rituale und Vorstellungen. Und irgendwann kann das, was ursprünglich hinter all dem stand, für einen Außenstehenden kaum noch zu erkennen sein.

    Zu dogmatisch. Zu streng. Zu viele Regeln, die man erst einmal lernen müsste.

    Genau damit konnte ich wenig anfangen.

    Mit etwas anderem dafür umso mehr.

    Ich muss nicht einfach glauben

    Ich entwickelte beim Lesen die Vorstellung, dass ich eine Lehre nicht deshalb annehmen muss, weil jemand sagt, sie sei wahr.

    Ich darf beobachten.

    Ausprobieren.

    Erfahren.

    Und auch hinterfragen.

    Erst durch meine eigenen Erfahrungen kann ich feststellen, ob ein Gedanke für mich heilsam ist oder mir nicht weiterhilft.

    Nichts anderes machen Kinder. Und wir sollten sie dabei unterstützen ihre Erfahrungen machen zu lassen.

    Doch ein Dogma muss ich nicht verstehen. Ich muss mich danach richten.

    Eine Idee dagegen, die ich selbst erproben, hinterfragen und vielleicht sogar verwerfen darf, kann ich verstehen. Und wenn sie sich für mich bewährt, kann ich versuchen, danach zu leben.

    Das gefiel mir.

    Auch die Offenheit faszinierte mich.

    Ein heilsamer Gedanke wird nicht deshalb wertlos, weil er irgendwo anders entstanden ist. Andere Vorstellungen müssen nicht bekämpft werden, nur weil sie anders sind. Und Fragen, auf die wir ohnehin keine endgültige Antwort finden können, müssen vielleicht auch gar nicht abschließend beantwortet werden.

    Damit kam mir ein weiterer Gedanke, der mir gefiel:

    Vielleicht muss ich gar nicht alles wissen.

    Vielleicht können wir Teile erkennen, ohne daraus gleich eine allgemeingültige Wahrheit für alle Menschen machen zu müssen.

    Wir sind Teil eines viel größeren Systems, dessen Ganzes wir vermutlich niemals vollständig erfassen können.

    Das empfand ich nicht als beängstigend.

    Im Gegenteil.

    Ich empfand es als entlastend.

    Alles ist im Fluss

    Auch machte ich mir über die buddhistischen Gedanken von Vergänglichkeit und Veränderung Gedanken.

    Alles kommt und geht.

    Alles verändert sich.

    Nichts bleibt für immer genau so, wie es gerade ist.

    Gerade in einer Lebenskrise ist das ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

    Denn wenn alles im Fluss ist, gilt das schließlich auch für das, was gerade unerträglich erscheint.

    Es wird nicht für immer genau so bleiben.

    Auch mit Vorstellungen wie Wiedergeburt und Karma begann ich mich durch das Buch inspiriert auseinanderzusetzen. Nicht in dem Sinne, dass ich plötzlich wusste, wie die Welt funktioniert.

    Das weiß ich bis heute nicht.

    Aber die dahinterliegenden Gedanken faszinierten mich.

    Dass unser Handeln Folgen hat.

    Dass das, was wir in die Welt geben, etwas bewirkt.

    Dass ich Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen kann, ohne mich deshalb für jeden Fehler auf ewig schuldig sprechen zu müssen.

    Fehler machen. Erkennen. Lernen. Weitergehen.

    Und dabei zuerst auf das eigene Handeln schauen, statt ständig über das der anderen zu urteilen.

    Gerade letzteres ist verdammt schwierig.

    Aber vielleicht muss etwas nicht leicht sein, um erstrebenswert zu sein.

    Auch die Gedanken zum Verhältnis von Besitz beschäftigten mich beim Lesen.

    Ich darf mich an etwas Schönem erfreuen, ohne dass mein Glück davon abhängen muss, es zu besitzen.

    Das Schöne wird nicht schöner, nur weil es mir gehört.

    Eine Blume muss mir nicht gehören, damit ich sie betrachten kann.

    Ein Ort nicht, damit ich mich dort wohlfühlen darf.

    Ein Augenblick nicht, damit er wertvoll gewesen ist.

    Was davon bei mir blieb

    Diese Gedanken gaben mir damals sehr viel Zuversicht.

    Und genau deshalb möchte ich gar nicht behaupten, dass ich Buddhistin geworden bin.

    Bin ich nicht.

    Ich möchte auch nicht alles glauben müssen.

    Gerade das war schließlich etwas, das mich daran angesprochen hatte.

    Aber ich möchte daran glauben dürfen, dass alles zusammengehört.

    Dass alles im Fluss ist.

    Dass wir uns verändern können.

    Auch positiv.

    Auch heilsam.

    Ich bin ein Teil dieses Ganzen. Und wenn ich mich diesem Gedanken öffne, fühle ich mich nicht vollkommen allein.

    Ich nehme Druck und Ansprüche aus meinem eigenen Leben heraus.

    Meine Werte liegen in Menschlichkeit, Verständnis und Toleranz. In Liebe und Mitgefühl für meine Mitmenschen.

    Das bedeutet für mich allerdings nicht, naiv zu sein.

    Ich sehe Ungerechtigkeit.

    Ich sehe Grausamkeit.

    Ich weiß, dass Menschen einander Schreckliches antun können.

    Trotzdem möchte ich daran festhalten, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, sein eigenes Handeln zu betrachten und vielleicht irgendwann zu erkennen, was ihm selbst, anderen Menschen und dem Ganzen guttut.

    Vielleicht ist das idealistisch.

    Damit kann ich leben.

    Denn von all den Gedanken, die ich hätte wählen können, möchte ich lieber einen wählen, der mich zu mehr Menschlichkeit führt als zu weniger.

    Wenn es etwas gibt, das zwischen Menschen heilsam wirken kann, dann sind es Aufeinanderzugehen, Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz.

    Vielleicht wäre es leichter, mit einem solchen Wertesystem aufzuwachsen.

    Vielleicht aber auch nicht.

    Vielleicht gehört es gerade dazu, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg dorthin finden muss.

    Ich bin meinen jedenfalls noch lange nicht zu Ende gegangen.

    Aber damals, mitten in einer meiner größten Lebenskrisen, fand ich in einem Bücherschrank ein paar Bücher.

    Und darin Gedanken, die mir halfen.

    Nicht weil ich sie glauben musste.

    Sondern weil ich darüber nachdenken durfte.

  • Kleine Erfolge feiern

    Kleine Erfolge feiern

    Ich möchte Erfolge würdigen.

    Nicht, um das große Ziel aus den Augen zu verlieren, sondern weil jeder einzelne Schritt bereits Teil des Weges ist.

    Oft höre ich den Satz: „Feiere kleine Erfolge, aber verliere das Ziel nicht aus den Augen.“ Er klingt zunächst sinnvoll. Und doch frage ich mich, ob der zweite Teil nicht manchmal die Freude über den gerade erreichten Schritt wieder etwas kleiner macht.

    Wenn wir einen Erfolg erleben, dürfen wir ihn doch einfach genießen.

    Vielleicht fühlen wir uns danach ein wenig mutiger. Ein wenig stabiler. Ein wenig reflektierter. Vielleicht entdecken wir Fähigkeiten in uns, die wir vorher gar nicht gesehen haben.

    Das große Ganze – meine Träume, meine Werte oder das, worauf es mir im Leben wirklich ankommt – trage ich ohnehin in mir. Genau deshalb bewege ich mich ja Schritt für Schritt darauf zu.

    Jede Etappe macht den neuen Zustand ein Stück vertrauter.

    Heute Morgen zog es mich in den Wald.

    Ich suchte Bewegung und gleichzeitig Entspannung.

    Dort wird mir immer wieder bewusst, dass der Wald etwas viel Größeres ist als ich selbst. Ich nehme seine Vielfalt wahr, seine Kraft und seine Ruhe. Alles scheint seinen Platz zu haben. Alles wirkt im Gleichgewicht.

    Ich lasse mich von den Gerüchen tragen, beobachte das wechselnde Licht zwischen den Bäumen und die vielen Grüntöne des Waldes.

    Zwei Rehkitze nehmen mich kaum wahr. Und ich sie ebenso wenig.

    Während dieser Zeit im Wald entsteht etwas Besonderes.

    Innerer Frieden.

    Vertrauen.

    Glücksgefühl.

    Dieser Moment vergeht.

    Doch er hinterlässt etwas in mir.

    Vielleicht genau deshalb suche ich solche Momente immer wieder bewusst auf.

    Denn jeder einzelne von ihnen macht den Menschen, der ich sein möchte, ein kleines Stück stärker.