Schlagwort: Achtsamkeit

  • Balance der Woche #007 – Kleine Erfolge wahrnehmen

    Balance der Woche #007 – Kleine Erfolge wahrnehmen

    Manches, was uns gelingt, ist so klein, dass wir schon darüber hinweggegangen sind, bevor wir es überhaupt bemerken.

    Wir erledigen etwas, treffen eine Entscheidung, fangen irgendwo an oder bringen etwas zu Ende. Vielleicht tun wir etwas, das uns schwergefallen ist. Vielleicht sorgen wir für uns, obwohl der Tag voll war.

    Und dann geht es weiter.

    Dabei muss ein Erfolg nichts Großes sein. Er braucht keinen Applaus und kein besonderes Ergebnis.

    Diese Woche möchte ich Dich deshalb einladen, Deinen Blick auf die kleinen Dinge zu richten, die Dir im Alltag gelingen.

    Nicht, um jeden Tag positiv bewerten zu müssen.

    Sondern um wahrzunehmen, was sonst vielleicht unbemerkt geblieben wäre.

    Dein Wellenimpuls

    Nimm Dir am Abend einen kurzen Moment und gehe Deinen Tag noch einmal in Gedanken entlang.

    Was ist Dir heute gelungen?

    Vielleicht findest Du etwas ganz Kleines.

    Etwas, bei dem Du normalerweise einfach weitergegangen wärst.

    Drucke Dir den Wellenimpuls aus oder speichere ihn auf Deinem Tablet. Begleite Dich damit durch diese Woche und entdecke, was Du alles tust, schaffst und bewältigst, ohne es bisher besonders wahrzunehmen.

    Vielleicht verändert sich dabei nicht Dein Tag.

    Aber ein wenig Dein Blick auf das, was Du selbst darin geschafft hast.

    Bis nächste Woche.

  • Balance der Woche #006 – Der liebevolle Gedankenstopp

    Balance der Woche #006 – Der liebevolle Gedankenstopp

    Nicht jeder Gedanke, der anklopft, braucht genau jetzt unsere Aufmerksamkeit.

    Manche Gedanken sind hartnäckig.

    Sie tauchen beim Frühstück auf, begleiten uns bei der Arbeit oder melden sich ausgerechnet dann, wenn wir eigentlich einen ruhigen Moment genießen möchten.

    Vielleicht handelt es sich um etwas, das wir noch klären müssen. Eine Sorge. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Oder einfach um eine Situation, die sich in unserem Kopf immer wiederholt.

    Doch nur weil ein Gedanke gerade auftaucht, müssen wir ihm nicht automatisch folgen.

    Wir dürfen entscheiden, wann wir uns mit etwas beschäftigen möchten.

    Genau das möchte ich Dich diese Woche ausprobieren lassen.

    Dein Wellenimpuls

    Beim liebevollen Gedankenstopp geht es nicht darum, einen Gedanken wegzudrücken oder so zu tun, als wäre er unwichtig.

    Du darfst ihn bemerken.

    Und dann einen Moment prüfen:

    Braucht dieser Gedanke mich wirklich jetzt?

    Vielleicht lautet Deine Antwort manchmal: Ja.

    Und manchmal darf sie auch lauten:

    Nicht jetzt. Später.

    Mit diesem Wellenimpuls kannst Du beobachten, wie es sich anfühlt, einem Gedanken nicht automatisch weiterzuverfolgen und Deine Aufmerksamkeit wieder dem Moment zuzuwenden, in dem Du gerade bist.

    Vielleicht entdeckst Du dabei, dass zwischen einem Gedanken und Deiner Reaktion darauf ein kleiner Raum entstehen kann.

    Und dass Du manchmal selbst entscheiden darfst, womit Du ihn füllst.

    Bis nächste Woche.

  • Mimose

    Mimose

    Es gibt Tage, an denen wacht man morgens auf und fühlt sich klein und schwach.

    Man schaut sachte aus seinem Bettenberg in den Raum und möchte sich am liebsten gleich wieder darin eingraben und dort bleiben.

    Unter der Decke ist es warm und unkompliziert.

    Wenn es mir morgens schon so ergeht, dann achte ich an diesem Tag ganz besonders auf mich.

    Ich gehe noch etwas langsamer und mit viel Mitgefühl für mich selbst in den Tag. Ich nehme den Druck heraus, weil ich weiß, dass ich sonst nur schwer durch diesen Tag kommen würde.

    An solchen Tagen nehme ich mir nichts zusätzlich vor – außer dem, was sowieso schon geplant ist.

    Wenn möglich, nehme ich davon sogar noch etwas weg.

    An Schwung und Elan ist nicht zu denken.

    Ich musste erst mit der Zeit lernen, mich an solchen Tagen nicht noch zusätzlich zu überfordern. Nicht gegen mich selbst anzukämpfen, nur weil ich heute weniger Energie habe als gestern.

    Der Kaffee wird langsamer getrunken.

    Vielleicht auch einer mehr.

    Beim Kochen bleibt es bei der einfachen Variante. Im Haushalt bei dem, was wirklich sein muss. Beim Arbeitspensum genauso.

    Man schleppt sich ein wenig durch den Tag und nimmt sich öfter Pausen heraus.

    Bleibt hier und da einfach mal stehen.

    Atmet ein paar bewusste Atemzüge.

    Die Haut fühlt sich dünn und empfindlich an.

    Dabei müssen die Gedanken gar nicht trübe sein.

    Man ist irgendwie neutral. Ausgeglichen. Nicht besonders leicht aus der Ruhe zu bringen.

    Nur empfindlicher.

    Eine Mimose eben.

    Und vielleicht ist das gar nicht schlimm.

    So ein Tag endet bei mir meistens auf dem Sofa. Mit einem Buch, Tee und einem Kreuzworträtsel.

    Ruhig.

    Ohne große Erwartungen.

    Und genauso überraschend, wie wenig Kraft an manchen Tagen schon beim ersten Augenöffnen da ist, ist es an anderen Tagen genau umgekehrt.

    Da ist der Schwung schon da, bevor ich überhaupt richtig wach bin.

    Dann möchte ich aufstehen. Machen. Erleben.

    Beides gehört zu mir.

    Vielleicht muss ich deshalb gar nicht jeden Morgen versuchen, dieselbe Version von mir zu sein.

    Manche Tage dürfen leise sein.

  • Ein neuwerdender Mensch

    Ein neuwerdender Mensch

    Nach all diesen Büchern begann ich, Verbindungen zu ziehen.

    Zwischen dem, was ich gelesen hatte, und meinen eigenen Erfahrungen. Zwischen den Büchern untereinander. Zu Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter. Zu meiner Kindheit und meinem Leben heute.

    Viele Gedanken waren gar nicht neu. Manche kannte ich schon lange, ohne ihnen einen Namen gegeben zu haben.

    Jetzt begannen sie, sich miteinander zu verbinden.

    Und ich fragte mich:

    Sind wir vielleicht ganz schön weit von dem entfernt, was uns eigentlich guttut?

    Immer mehr

    Unser Leben ist voll.

    Voll mit Möglichkeiten, Aufgaben, Terminen, Erwartungen und Dingen.

    Wir können uns rund um die Uhr informieren, beschäftigen und ablenken. Das Handy ist immer dabei. Noch etwas anschauen. Noch etwas erledigen. Noch schnell eine Nachricht beantworten.

    Manchmal kommt es mir vor, als liefen wir in eine Richtung, von der wir selbst gar nicht mehr genau wissen, ob wir dort hinwollen. Und damit es unterwegs nicht zu dunkel wird, nehmen wir alles mit, was ein bisschen leuchtet.

    Handys. Glitzerkram. Dinge. Beschäftigung.

    Dabei mag ich schöne Dinge. Sehr sogar.

    Aber vielleicht ist genau das der Unterschied:

    Ich kann mich an etwas erfreuen, ohne es zu brauchen, um mich gut zu fühlen.

    Ein Fasan und die Ewigkeit

    Bei meinen Überlegungen erinnerte ich mich an eine Geschichte aus meiner Jugend.

    Mein Vater und ich übersetzten gemeinsam einen lateinischen Text. Darin ging ein Abt in einen nahegelegenen Wald und begegnete einem Fasan. Er betrachtete das Tier ausgiebig und versank vollkommen in diesem Augenblick.

    Als er zum Kloster zurückkehrte, war dort eine unvorstellbar lange Zeit vergangen.

    Als Jugendliche faszinierte mich diese Geschichte.

    Für mich erklärte sie auf eine ganz einfache Weise etwas, das ich vorher kaum greifen konnte:

    Unendlichkeit.

    Nicht unendlich viele Minuten hintereinander.

    Sondern einen Zustand, in dem Minuten keine Rolle mehr spielen.

    Kein Zeitgefühl.

    Nur Sein.

    Als Kinder können wir das noch ziemlich gut.

    Wir spielen, malen, bauen, beobachten – und irgendwann sind Stunden vergangen.

    Als Erwachsene passiert uns das manchmal auch noch. Beim Lesen. Gärtnern. Basteln. Kochen. Wandern. In einem wunderbaren Gespräch.

    Und dann schauen wir auf die Uhr:

    Huch! Schon so spät?!

    Sofort kommt der Stress zurück.

    Dabei war doch gerade dieser Moment vorher so unglaublich wohltuend.

    Warum erschrecken wir uns eigentlich darüber, vollkommen in etwas aufgegangen zu sein?

    Vielleicht war das keine verlorene Zeit.

    Vielleicht war es besonders gut verbrachte Zeit.

    Muss ein Lebensweg gerade sein?

    Auch meine Vorstellung davon, wie ein Leben auszusehen hat, begann sich zu verändern.

    Schule. Ausbildung oder Studium. Beruf. Arbeiten. Und möglichst lange auf diesem einmal eingeschlagenen Weg bleiben.

    Aber wir selbst bleiben doch auch nicht gleich.

    Unsere Interessen verändern sich. Unsere Fähigkeiten entwickeln sich. Manches verliert an Bedeutung und anderes entdecken wir erst viel später.

    Warum sollte unser äußerer Lebensweg unbeweglich bleiben, wenn wir selbst es nicht sind?

    Immer mehr Menschen üben nicht ihr ganzes Leben denselben Beruf aus.

    Vielleicht ist das gar keine Unbeständigkeit.

    Vielleicht ist es manchmal einfach Entwicklung.

    Alles ist im Fluss.

    Dieser Gedanke bekam für mich plötzlich eine ganz praktische Bedeutung.

    Auch ich darf im Fluss sein.

    Ich darf etwas beginnen und etwas beenden. Ich darf feststellen, dass etwas nicht mehr zu mir passt. Ich darf mich umentscheiden.

    Und ich darf mit vierzig etwas entdecken, das ich mit zwanzig noch überhaupt nicht sehen konnte.

    Ich war doch schon jemand

    2019 wollte ich mich verändern.

    Ich lag mit Migräne im dunklen Keller und wollte herausfinden, was mit mir nicht stimmte.

    Ich las. Reflektierte. Gestaltete meine Kronkorken mit Worten wie Stärke, Kraft, Zuversicht und Ruhe.

    Ich wollte wieder funktionieren.

    Dann begann ich irgendwann zu verstehen, dass vielleicht schon die Frage nicht richtig war.

    Nicht:

    Wie werde ich wieder so, dass alles funktioniert?

    Sondern:

    Wie möchte ich eigentlich leben?

    Später kamen weitere Bücher dazu.

    Gedanken über Veränderung, Vergänglichkeit, Mitgefühl und Verantwortung.

    Und schließlich ein Buch, bei dem ich eine Seite nach der anderen umknickte, weil mir so vieles darin bekannt vorkam.

    Ich fand Gedanken meiner Eltern wieder.

    Meine Liebe zu meinen Kindern.

    Meine eigenen Erfahrungen.

    Mich.

    Und irgendwann verstand ich:

    Ich war doch schon jemand.

    Aber dieser Jemand musste nicht für immer genau so bleiben.

    Die Kraft der Gedanken

    Heute bedeutet „Kraft der Gedanken“ für mich deshalb etwas anderes als damals.

    Ich glaube nicht, dass ich nur positiv genug denken müsste und dann würde alles gut.

    So funktioniert das Leben nicht.

    Menschen werden krank. Menschen erleben Dinge, die sie sich nicht ausgesucht haben. Es gibt Ungerechtigkeit, Verlust und Schmerz.

    Gedanken machen all das nicht ungeschehen.

    Aber sie haben trotzdem Kraft.

    Denn sie beeinflussen, welche Fragen ich stelle.

    Ich kann das sowieso nicht.

    Oder:

    Wie könnte ich es versuchen?

    Ich habe versagt.

    Oder:

    Was kann ich daraus lernen?

    Jetzt ist es eben so und muss für immer so bleiben.

    Oder:

    Alles ist im Fluss.

    Gedanken können die Wirklichkeit nicht beliebig verändern.

    Aber sie können verändern, wie ich ihr begegne.

    Das ist für mich heute ihre eigentliche Kraft.

    Ein neuwerdender Mensch

    Vielleicht ist genau das der Gedanke, der all diese Bücher und meine eigenen Erfahrungen miteinander verbindet.

    Ich bin nicht fertig.

    Und ich muss es auch nicht sein.

    Ich darf meine Meinung ändern. Mich irren. Etwas ausprobieren und wieder lassen. Träumen. Etwas Neues lernen. Einen anderen Weg einschlagen.

    Ich darf mich verändern, ohne damit den Menschen abzulehnen, der ich vorher gewesen bin.

    Und manchmal darf ich vollkommen in einem Augenblick versinken und irgendwann überrascht feststellen:

    Huch. Schon so spät?

    Vielleicht muss ich gar nicht mein ganzes Leben damit verbringen, irgendwann die endgültige Version meiner selbst zu werden.

    Vielleicht gibt es sie überhaupt nicht.

    Denn solange ich erlebe, kann ich lernen.

    Solange ich lerne, kann ich mich verändern.

    Und solange ich mich verändern kann, werde ich.

    Das nimmt mir inzwischen erstaunlich viel Druck.

    Ich muss nicht fertig werden.

    Ich bin ein neuwerdender Mensch.

  • Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Balance der Woche #005 – Essen mit allen Sinnen

    Manchmal steckt in einem einzigen Bissen viel mehr, als wir im Alltag bemerken.

    Essen begleitet uns jeden Tag. Oft essen wir ganz selbstverständlich, während wir reden, nachdenken oder schon beim nächsten Gedanken sind.

    Diese Woche möchte ich Dich einladen, für einen kleinen Moment genauer hinzuspüren.

    Nicht darauf, was Du isst.
    Nicht darauf, wie viel Du isst.

    Sondern darauf, was geschieht, wenn Du einen einzigen Bissen ganz bewusst wahrnimmst.

    Dein Wellenimpuls

    Diese Woche beginnt Deine kleine Entdeckungsreise schon vor dem ersten Bissen.

    Wie fühlt sich Dein Mund an? Wo liegt Deine Zunge? Was verändert sich, wenn das Essen Deinen Mund berührt? Und wie entwickelt sich Geschmack eigentlich während des Kauens?

    Du brauchst dafür keine besondere Mahlzeit. Nimm einfach etwas, das Du ohnehin essen möchtest, und schenke dem ersten Bissen ein wenig mehr Aufmerksamkeit.

    Vielleicht schmeckst, fühlst oder bemerkst Du dabei etwas, das Dir beim Essen bisher nie aufgefallen ist.

    Bis nächste Woche.

  • Bügeln

    Bügeln

    Ich weiß, dass ich nicht unbedingt bügeln müsste. Viele sagen, man sähe es gar nicht, wenn Kleidung gebügelt wäre.

    Das kann sein. Wenn man Kleidung gerade zum Trocknen aufhängt oder den Trockner benutzt und anschließend die Kleidung schön gerade zusammenlegt, dann bräuchte man tatsächlich gar nicht bügeln.

    Meine Oma und ich hatten im Elternhaus ein Zimmer unter dem Dach nebeneinander. Wir hörten den gleichen Radiosender. Hatte ich Langeweile, so besuchte ich meine Oma in ihrem Zimmer und schaute ihr zu. Beim Stricken und beim Bügeln.

    Sie hatte beim Bügeln ihr Bügelbrett aufgebaut, die Sprayflasche Bügelsteif stand neben ihr und mit dem heißen Eisen arbeitete sie sich faltenfrei durch den riesigen Wäscheberg von sieben Personen.

    Als ich auszog, war für mich klar, dass auch ich bügeln werde.

    Beigebracht hat es mir keiner so richtig, aber ich habe viel bei meiner Oma abgeschaut. Ich hatte nicht so ein kleines Seitenbügelbrett für die Ärmel, wie meine Oma dies hatte, aber es klappte auch so ganz gut. Die richtige Wahl der Temperatur hatte ich schnell im Griff – steht ja auch alles auf dem Bügeleisen drauf.

    Anfangs brauchte ich sehr lange zum Bügeln, was mich aber nicht davon abhielt, es zu tun. Auch wenn ich von allen Seiten immer wieder hörte, heute müsse man doch nicht mehr bügeln.

    Ich bügle immer noch sehr gerne regelmäßig jede Woche. Bügeln war auch ein Sprungbrett für mich zum Nähen.

    Ich habe mein Bügeleisen seit 20 Jahren. Es hat einen großen Wassertank, in dem ich das destillierte Wasser mit Duftwasser vermenge. Ja, mein Bügeleisen ist laut. Was nicht schlimm ist, da ich mein Radio ja auch lauter machen kann.

    Richtig, Radio höre ich dabei auch immer noch – jedoch immer mal wieder einen anderen Sender.

    Tanzeinlagen gehören für mich dazu.

    Und ich liebe die vollen Körbe frisch gewaschener Wäsche, die zu kleinen ordentlichen Stapeln Kleidung führen.

    Für mich ist Bügeln Meditation, Selbstfürsorge, Beschäftigung, aktives Bewegen, Sorgfalt und Kümmern um meine Lieblingsmenschen in meinem Haushalt.

  • Artgerechte Haltung

    Artgerechte Haltung

    Vor zwei Jahren bekam ich zum Geburtstag von einer lieben Freundin eine kleine Orchidee geschenkt. Sie blühte mit einigen kleinen, zarten Blüten, hatte drei Blätter und steckte in einem winzigen weißen Blumentopf.

    Für blühende Pflanzen habe ich nicht gerade den „grünen Daumen“, wollte mich aber voll und ganz um diese kleine Pflanze bemühen. Ich hatte in meinem Leben schon häufiger Orchideen geschenkt bekommen. Leider wurden diese bei mir nie besonders alt.

    Bei meiner kleinen aktuellen Orchidee fielen bald die Blüten ab und so stand recht lange ein kahler, vertrockneter Stängel empor. Ich wollte die Pflanze nicht verletzen, also ließ ich sie so, wie sie war. Irgendwann knickte der Stängel von alleine ab.

    Ein Jahr später blühte meine kleine Orchidee erneut. Diesmal wuchs der Stängel seitlich von den Blättern weg. Das sah etwas seltsam aus und lange blieben auch diese Blüten leider nicht. Nun stand wieder ein kahler Stiel lange Zeit seitlich von der Pflanze ab.

    Ich goss die Pflanze dennoch liebevoll und stellte sie an einen hellen Ort in die Küche. Ich hoffte wohl ein bisschen, durch meine Aufmerksamkeit alleine würde sie sich irgendwann gut entwickeln.

    Irgendwann beim Gießen dachte ich mir:

    Wenn die Orchidee in der Natur auf Bäumen wächst – wieso stecken wir sie dann überhaupt in einen Blumentopf?

    Ich holte sie heraus und bestaunte die vielen eng verwobenen Wurzeln. Schließlich stellte ich sie in ein rundes Glas mit Glassteinchen. Manche Orchideen wachsen schließlich sogar auf Steinen – vielleicht müsste es dann mit Glas auch funktionieren?

    Das Glas ist oben geöffnet und die Wurzeln bekommen Luft. Finde ich, dass sie etwas zu trocken aussehen, beträufele ich sie mit Wasser. Manchmal lege ich anschließend für kurze Zeit ein Buch auf das Glas. Innerhalb kürzester Zeit erhöht sich darin sichtbar die Luftfeuchtigkeit und Wasser kondensiert an der Glaswand.

    Ob das nun das perfekte Orchideenklima ist, weiß ich nicht.

    Aber die Orchidee schien etwas damit anfangen zu können.

    Innerhalb weniger Tage entdeckte ich neue kräftige Wurzeln und ein neues Blatt begann zu wachsen. Damit hat die Pflanze nun endlich vier Blätter.

    Heute fand ich: Wenn meine Orchidee schon nicht unbedingt in einem Blumentopf leben möchte, könnte sie statt auf Steinen vielleicht auch wieder ein kleines bisschen mehr auf einem Baum leben.

    Also holte ich das restliche feuchte Substrat zwischen ihren Wurzeln hervor und setzte die Orchidee auf einen Ast.

    Ich hoffe sehr, dass der Pflanze das gefällt und sie sich weiterentwickeln kann.

    Ich bin jedenfalls sehr stolz auf sie. Auch ohne Blüten.

  • Sein

    Sein

    Was wir im Alter lernen, lernen wir von den Kindern, weil wir es durch Erwachsene, als wir noch Kinder waren, verloren haben.

    Ich finde das gar nicht abwegig. Erstens, weil ich es selbst so erlebt habe, und zweitens, weil nicht jeder Erwachsene Kinder erst zurechtbiegen muss, bevor diese selbst erwachsen werden. Erwachsenwerden ist nämlich ganz einfach.

    Warum wollen Kinder erwachsen werden?

    Ich habe gesehen, wie meine Oma Einkaufszettel schrieb. Sie hatte die unendliche Macht anzugeben, welches Mittagessen wir an welchem Tag aßen – und welchen Nachtisch es dazu gab.

    Meine Eltern machten sich für die Arbeit fertig. Ganz schick. Also musste Arbeitengehen etwas sehr Wichtiges und auch Schönes sein. Schickmachen kannte ich von Familienfeiern und Feiertagen. Das konnte nur etwas Gutes bedeuten.

    Meine älteren Geschwister bekamen irgendwann ihr eigenes verdientes Geld. Sie zeigten mir stolz ihre ersten selbstgekauften Baggyhosen, Pullover und luden mich zu einer großen Portion Eis ein.

    Dass man tut, was Mama und Papa sagen, war ja klar. Also Eltern werden musste auch prima sein.

    Alles in allem wurde einem vermittelt: Erwachsen werden ist mega toll. Mach das!

    So wurde ich groß.

    Als ich endlich Verantwortung übernehmen durfte, wollte ich das unbedingt.

    Ich tat viele Dinge auf meine Weise.

    Denn ich hatte das große Glück, nicht Erwachsene zu haben, die ständig sagten: „Du musst aber dies und jenes“ oder „Es wäre besser, wenn Du erst …“. Denn die Anforderungen, die ich an mich stellte, waren die, die man ohnehin zum Erwachsenwerden benötigte.

    Und die kommen auch, ohne dass ein Erwachsener schon im Kindergartenalter anfängt zu sagen: „Uh, Schule. Da beginnt der Ernst des Lebens.“

    Denn den Ernst kenne ich sehr gut. Der begegnet mir immer dann, wenn ich an Erwachsene denke oder mit welchen zu tun habe, die wollen oder wollten, dass ich erwachsen bin – entweder als ich noch ein Kind und dazu außerstande war oder als ich definitiv schon erwachsen war und mir das keiner mehr sagen musste.

    Denn ich und Du – sind ja einfach nur Ich und Du.

    Und vielleicht können wir genau das wieder ein bisschen von Kindern lernen.

    Ein Kind kann minutenlang einen Käfer beobachten, durch Gras streichen oder einfach irgendwo liegen – und braucht dafür keinen Grund. Es muss anschließend nicht erklären, was ihm diese Zeit gebracht hat.

    Es ist nicht faul und es „verschwendet“ keine Zeit.

    Es ist einfach da.

    Einer meiner Lieblingsmenschen sagte vor ein paar Wochen zu mir:

    „Faul sein. Das gibt es gar nicht. Das haben sich nur andere ausgedacht, um einem ein schlechtes Gefühl zu geben.“

    Ich musste darüber nachdenken.

    Denn wie oft bewerten wir einen Moment danach, was wir darin geschafft haben? Wie sinnvoll wir ihn genutzt haben? Ob wir produktiv waren?

    Dabei gibt es Momente, in denen es nichts zu erreichen gibt.

    Man darf einen Käfer einfach anschauen.
    Man darf im Gras liegen.
    Man darf die Sonne spüren.
    Man darf nichts vorhaben.

    Vielleicht ist das gar kein Nichtstun.

    Vielleicht ist das einfach Sein.

  • Balance der Woche #003 – Sonnenlicht fühlen

    Balance der Woche #003 – Sonnenlicht fühlen

    Manchmal genügt ein Schritt nach draußen, um den eigenen Tag für einen Moment anders wahrzunehmen.

    Licht begleitet uns ganz selbstverständlich durch unseren Alltag. Morgens wird es heller, im Laufe des Tages verändert es sich und am Abend verschwindet es langsam wieder. Meist geschieht all das, ohne dass wir ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.

    Dabei können wir Licht nicht nur sehen. Wir können es auch spüren.

    Die Wärme auf der Haut. Die Helligkeit um uns herum. Den Unterschied zwischen Licht und Schatten. Vielleicht auch die Veränderung, die wir in uns selbst bemerken, wenn wir für einige Minuten nach draußen gehen.

    Für diesen Wellenimpuls brauchst Du deshalb nichts weiter zu tun, als Dir ein wenig Zeit zu schenken.

    Nicht, um möglichst viel Sonne zu bekommen.
    Nicht, um Dich anschließend anders fühlen zu müssen.

    Sondern um wahrzunehmen:

    Wie fühlt sich Tageslicht für mich heute an?

    Vielleicht entdeckst Du dabei etwas, das jeden Tag da ist – und dem Du bisher nur selten bewusst begegnet bist.

    Bis nächste Woche.

  • Den Kopf frei rätseln

    Den Kopf frei rätseln

    Es gibt für mich eine sehr effektive Möglichkeit, mich von schwierigen Themen abzulenken.

    Vor einem Jahr war ich noch ein richtiger Rätselanfänger. Wörter finden, Sudoku und Schüttelrätsel waren meine Favoriten. Diese Rätsel konnte ich beeindruckend schnell lösen.

    Ein Jahr später traue ich mich auch an Schwedenrätsel. Hier sind Allgemeinwissen und manchmal sehr spezielle Themen gefragt. Mittlerweile weiß ich einiges über die Bibel, Geografie oder Medien – zwangsläufig. Ein halb ausgefülltes Rätsel fühlt sich einfach nicht richtig an. Gut, dass es Lösungen gibt. Und schön, wenn sich Begriffe wiederholen und sich Wissen ganz nebenbei verfestigt.

    Das angeeignete Wissen ist jedoch gar nicht das Wichtigste, wenn ich mein dickes Rätselbuch aufschlage.

    Das gemeinsame Knobeln mit meinem Lieblingsmenschen, die vielen lustigen Momente und das bewusste Ablenken – genau das finde ich zwischen den Rätseln.

    Denn wenn ich über Nebenflüsse, Synonyme oder Hauptstädte nachdenke, ist kein Platz mehr für schwere Gedanken.